Es läuft gerade sehr gut. Ich schwebe förmlich über die Trails. So muss sich ein Runners High anfühlen. Ich lasse reihenweise andere Läufer hinter mir, so kann es weitergehen!

Im nächsten Moment wache ich auf. Misst, nur ein Traum. Doch was für einer, denn heute findet tatsächlich der Trail Marathon in Heidelberg statt. Schon seit Längerem spiele ich mit dem Gedanken dort zu starten, doch letztendlich habe ich mich doch dagegen entschieden. Und nun dieser Traum, der mich morgens um halb Sieben aus dem Schlaf reißt. Normalerweise glaube ich nicht an Zeichen und solchen Kram, doch wenn es so etwas wie ein Zeichen gibt, dann war dieser Traum ohne jeden Zweifel eins!

Was habe ich auch schon zu versäumen? Dann laufe ich meinen langen Sonntags-Lauf eben heute Mal in Heidelberg. Ein bisschen Abwechslung könnte ich sowieso gebrauchen.

Ich springe aus dem Bett, denn die Zeit ist knapp. Im Rekordtempo packe ich meine Wettkampf-Tasche und bin mir fast schon sicher, in der Hektik irgendwas Wichtiges zu vergessen. Schnell wie noch nie bereite ich mein Porridge zu, und ebenso schnell verschlinge ich den wirklich heißen Brei.

Gut 2 Stunden später betrete ich die Bergbahn in Heidelberg, die mich und andere Verrückte hoch zum Schloss befördert. Dort befindet sich der Start, des mit 1.500 Höhenmetern steilen Trail Marathons.

Für günstige 80,-€ erwerbe ich bei der Nachmeldung im Innenhof des Schlosses meine Startunterlagen. An einem Verkaufsstand gönne ich mir noch einen Oatbar, den ich noch vor dem Start verdrücke und zwei Powerbars die in meinem Rucksack Platz finden.

Nun geht´s auf zum Schlossgarten, wo sich Umkleiden, Taschen-Aufbewahrung, sowie der Start befinden. Ebenso sollte es hier eine Möglichkeit geben seinen Trinkrucksack zu befüllen. Leider kann ich diese nicht ausfindig machen und um zurück zum Innenhof zu laufen, ist die Zeit mittlerweile zu knapp.

Mittlerweile laufen die letzten Sekunden bis zum Start. Begleitet von Hells Bells von ACDC, gibt der Moderator das Startsignal.

Los geht´s. Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzt sich die Läufer-schar auf die bevorstehenden, harten 42,195 Kilometer.Heidelberg Trail Marathon Start

Zunächst geht es steil bergab in Richtung Altstadt. Ratsch! Fast haut es mich auf dem nassen Kopfsteinpflaster auf die Nase. – Gerade noch mal Glück gehabt!

Über die alte Brücke, die ich schon vom Heidelberg Halbmarathon kenne, überqueren wir den Neckar.alte Brücke Heidelberg

Nach 3 Kilometern wartet bereits voller Schadenfreude, der erste, steile Anstieg. Relativ schnell wechsle ich vom Laufschritt zum flotten Geh-tempo. Eine weise Entscheidung, wie sich später noch herausstellen wird.

Der gestrige 26 Kilometer Trainingslauf, der mit seinen 500 Höhenmetern nicht gerade flach war, steckt mir noch ordentlich in den Muskeln. Hätte ich vorher gewusst, dass ich heute einen der härtesten Marathons der Welt laufen würde, hätte ich meine Beine still gehalten.

Was soll´s damit muss ich nun leben.

Das nächste Schmankerl wartet schon nach 5,5 Kilometern auf mich. 178 Stufen geht es durch die Thingstädte steil bergauf. Die Berge in denen ich vorher eigentlich meine Stärke sah, sind heute ein echtes Problem für mich.

Thingstätte Heidelberg

Nach harten 7 Kilometern, geht es zum Glück erst mal bergab.  Der Kurs führt über schmale Trampelpfade die von Wurzeln und Stolpersteinen nur so wimmeln. Als wäre das nicht schon genug, verleiht der Dauerregen dem ganzen noch eine ordentliche Portion Rutschgefahr und macht die Quälerei somit perfekt.

Trotz der schwierigen Streckenverhältnisse, versuche ich bergab Tempo zu machen. Es erfordert ein Höchstmaß an Konzentration, um den ganzen Hindernissen auszuweichen, meine Augen sind permanent auf die Strecke gerichtet. Zack! Im nächsten Augenblick lande ich auch schon volle Karacho im Schlamm. Glücklicherweise waren keine Steine oder sonstige Spitze Gegenstände in meiner Landezone. In der Hoffnung, dass niemand diesen peinlichen Abgang bemerkt hat, rappele ich mich auf und renne weiter.

Eine innere Stimme sagt:  „Du hast es doch selbst so gewollt Christian“

Endlich, die erste Verpflegungsstation! Nach gut 9 äußerst anstrengenden Kilometern, greife ich nach einem Becher Elektrolytgetränk, stecke mir ein Stück Müsliriegel in die Backentasche und nehme den den nächsten Anstieg in Angriff.  Ich hatte schon viel früher das Verlangen nach etwas flüssigem, doch dummerweise ist mein Trinkrucksack leer. Soll ich meinen Rucksack hier noch schnell auffüllen? – Nein kostet zu viel Zeit, lauf weiter!

Bis Kilometer 18, geht es jetzt erst mal aufwärts. Auf einer Höhe von 548 Metern befindet sich der „Weiße Stein“. Leider liegen zwischen mir und dem weißen Stein noch ungefähr 500 Meter positive Höhendifferenz.

Ich bin kurz davor auszusteigen. Mein Schnitt ist unter aller Sau und meine Beine fühlen sich beschissen an! Doch dann wäre ich völlig umsonst den weiten Weg nach Heidelberg gereist und hätte völlig umsonst 80,-€ Startgeld bezahlt! Das würde mich die nächsten paar Wochen beschäftigen. Also weiter geht´s, egal wie weh es tut!

Endlich, da ist er, der weiße Stein! Die nächsten 12 Kilometer geht es jetzt fürs Erste bergab. Richtig Fahrt aufnehmen kann ich jedoch nicht, die Beine sind schon zu müde um nochmal ordentlich auf die Tube zu drücken. Also versuche ich mich von den Strapazen etwas zu erholen und mich für den nächsten und letzten Gipfel zu rüsten.Heidelberg Trail Marathon Weißer Stein

Schluss mit lustig, genug mit bergab, jetzt wird´s steil! Und zwar für die nächsten 6 Kilometer. Die Spitze des Eisbergs beginnt definitiv ab Kilometer 36. Ab hier geht es die Himmelsleiter hinauf, Laufen ausgeschlossen! Über Naturstein-Stufen, welche schief, äußert hoch und zudem noch rutschig sind, geht es über gut einen ganzen Kilometer, 200 Höhenmeter steil nach oben. Ganze 15 Minuten kostet mich diese Leiter der Quälerei.Himmelsleiter

Oben brauche ich erst mal eine Pause. An der Verpflegungsstation schütte ich unzählige Becher Afri-Cola in mich hinein und schiebe zwei Gels hinterher.

Auf den Weg herunter zum Schloss habe ich mich zu früh gefreut, denn die Bezeichnung Weg, hat diese Buckelpiste eigentlich nicht verdient. Ich habe Mühe überhaupt unter einem Schnitt von 7 Minuten pro Kilometer zu bleiben, und dass BERGAB!

Ich bin so erleichtert als die Mauern des Heidelberger Schlosses in der Ferne auftauchen! Ich bin froh, überhaupt das Ziel erreicht zu haben. Ganze Vier Stunden, Neun Minuten und 16 Sekunden habe ich für die 42,195 Kilometer gebraucht. Ziel Heidelberg Trailmarathon

Diese Zeit gilt es nächstes Jahr zu toppen.

 

 

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