Mein Vater und ichSonntagmorgen 05:00 Uhr, die Alarmfunktion meiner Polar V 800 meldet sich lautstark zu Wort. Au weia, ist es wirklich schon soweit?  Ich quäle mich aus dem Bett und wanke in Richtung Kaffeemaschine. Nach der zweiten Tasse werden die Umrisse langsam schärfer. Meine Gedanken drehen sich vermehrt um die Frage ob ich den für heute geplanten Wettkampf absagen soll, oder nicht? Meine Lust hält sich jedenfalls stark in Grenzen. Grund dafür ist der gestrige 5er, mit dem ich mir abends die Beine noch etwas auflockern wollte. Dieses Vorhaben ist ist jedenfalls gründlich in die Hose gegangen. Nass Geschwitzt, nach Sauerstoff ringend und mit Magenschmerzen, kam ich nach Hause. Ob der mit Kohlenhydraten vollgestopfte Bauch, meine Heuschnupfenallergie oder der Rote – Beete Saft daran Schuld ist, kann ich nicht genau sagen… Vielleicht bin ich auch einfach zu fett geworden? Meine Form war schon mal besser…

Am liebsten würde ich mich wieder in meinem warmen Bett verkriechen, doch mein schlechtes Gewissen hindert mich daran. Schließlich kann ich meine Mom, die sich ebenfalls für diesen Lauf angemeldet hat, nicht im Stich lassen.

In 60 Minuten ist Abfahrt! Bis Heidelberg ist es schließlich ein Stück. Genauer gesagt ca. 150 Kilometer. Was für ein Stress! Wie gewöhnlich habe ich es gestern verpasst meine Tasche zu packen und etwas essen muss ich ja schließlich auch noch!

Im Rekordtempo stopfe ich alles in die Tasche was irgendwie nach Wettkampf aussieht, in der Hoffnung, nicht allzu viel zu vergessen. Fertig! Jetzt schnell in die Küche Porridge zubereiten. Ich schlinge das Porridge herunter, fatal für meine Verdauung. Hoffentlich gibt es genug Dixi-Klos! Fertig mit essen, fühle mich vollgestopft und faul, würde jetzt am liebsten ein Nickerchen machen.

Abfahrt! Auf der ungemütlichen Rücksitzbank gehe ich das Rennen in meinem Kopf nochmal durch.

Nachdem uns mein Vater zuverlässig nach Heidelberg navigiert hat, fanden wir zum Glück direkt einen freien Parkplatz. Jetzt nichts wie auf zur Startnummernausgabe. Dort hält sich der Betrieb  in Grenzen. Beim  Anbringen der Startnummer nur noch versuchen allzu große Blutverluste zu vermeiden und dann kann es los gehen.

Beim Warmlaufen bleibe ich ständig in der Nähe der Dixi-Klos. Nachdem ich jedes Einzelne einmal ausprobiert habe, wird es auch schon Zeit für die Startaufstellung.

Als einer der Ersten befinde ich mich im Startblock. Bin ich zu früh? Hoffentlich kühle ich jetzt nicht ab bis zum Start! Auf rumhüpfen habe ich keine Lust, Bauch viel zu voll! Schlechtes Gewissen: Hättest weniger fressen sollen du Idiot! Egal, jetzt wird nicht mehr gekniffen!

Peng!!! Los gehts!!! Beim Überqueren der Startmatte drücke ich den roten Knopf meiner Laufuhr. Der Lauf beginnt harmlos, den ersten Kilometer geht es leicht bergab. Ich fühle mich gar nicht so schlecht, 03:36 vielleicht etwas zu schnell. Quatsch die ersten 7 Kilometer sind die einzig flachen auf dieser Strecke, jetzt gilt es Zeit gut zu machen. Bei Kilometer 7 angelangt liegt mein Schnitt bei 03:50, aber nicht mehr lange, denn der erste Anstieg liegt vor mir. Von Leichtigkeit ist nun keine Rede mehr, ich fühle mich wie ein nasser Sack. Der Schnitt auf meiner Uhr hat kein Erbarmen und fällt unermüdlich. Der Erste Anstieg

Endlich oben. Zeit aufholen Fehlanzeige, erst mal etwas erholen. Meine Oberschenkel schmerzen stark, ich kann nicht richtig rollen lassen.

Der nächste Berg kommt schnell. Kurz, aber dafür extrem steil, vermutlich würde ich gehend nicht viel Zeit einbüßen. Kommt nicht in die Tüte! Beweg deinen Arsch, das ist schließlich ein 21 km >LAUF <. Oben angekommen sehe ich die Verpflegungsstelle. Völlig erschöpft greife ich nach dem Becher mit Iso, bekomme ihn allerdings nicht richtig zu greifen und verschütte mich total. Die darauffolgende Bergab-Passage ist sehr steil, meine Füsse hämmern auf den Asphalt und meine Gelenke schreien nach einer Pause. Hat man mal ein bestimmtes Maß an Erschöpfung erreicht, ist es so gut wie unmöglich, dieses Gefühl ohne eine Gehpause zu beseitigen.

Mit Schrecken denke ich schon an den unmittelbar vor mir liegenden letzten Anstieg bis zum Heidelberger Schloss hinauf. Das Schlimme an diesem Anstieg ist, dass er extrem steil beginnt und dann scheinbar kein Ende nehmen möchte.

Fix und fertig schleppe ich mich Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Auch die von Musik begleiteten Choreographien der Zuschauer lösen keine Euphorie mehr bei mir aus. Ich will einfach nur ins Ziel kommen, die Zeit vom letzten Jahr kann ich sowieso vergessen! Eine gefühlte Ewigkeit später sehe ich das Schloss. Erleichterung macht sich breit! Gleich hast du es geschafft, jetzt geht es nur noch bergab. Die letzten Meter durch die Fußgängerzone hole ich nochmal alles raus, damit ich möglichst schnell aussehe. Ich drücke auf Stopp, 01:28:52, gute 2 Minuten langsamer als im Vorjahr, au weia.IMG_20150503_104251 Im Ziel angekommen schütte ich erst Mal ein paar Becher Iso herunter und suche meinen Vater, der mich unterwegs fleißig angefeuert hat. Danach bleibt noch ein wenig Zeit zur Entspannung, die ich zum Erwerb eines Powerbars und einer Flasche alkoholfreiem Weizen nutze.

Mit neuer Kraft begeben wir uns an den Streckenrand um meine Mutter beim Zieleinlauf abzufeuern. Nach 02:32:12 überquert sie die Ziellinie.IMG_20150426_135225

Dies war mal wieder einer dieser Wettkämpfe, den man in die Schublade „schlechte Erfahrungen“ stecken kann.

Jetzt habe ich erstmal genug von diesen „schnellen“ Läufen. Beim nächsten Wettkampf in Biel wird es deutlich entspannter los gehen. Dass es sich dabei allerdings um einen 100 Kilometer Lauf handelt ist ja nicht so tragisch.

Einen weiteren Bericht zum Heidelberg Halbmarathon findet ihr bei meinem Namensvetter auf Brennr.de

Author

7 comments

X