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Köln Marathon mit Saucony

Am vergangen Wochenende hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit Saucony Germany, am Köln Marathon teilzunehmen. Es war ein wirklich ereignisreiches Wochenende voller positiver, aber auch negativer Emotionen. An diesem Wochenende wurde meine Willenskraft auf eine knallharte Zerreißprobe gestellt, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe.

Vielleicht war es auch etwas blauäugig von mir, mich gleich für die vollen 42,195 Kilometer zu melden. Es gab ja schließlich noch die Möglichkeit an der Staffel teilzunehmen, oder den Halbmarathon zu laufen. Doch wenn ich schon Mal in Köln bin, dann laufe ich auch den ganzen Marathon, dachte ich mir. Der Köln Marathon stand sowieso noch auf meiner to-run-Liste.

Ein flaues Gefühl im Bauch hatte ich allerdings schon, denn schließlich hatte ich erst eine 3-monatige Verletzungspause hinter mir. In diesen 3 Monaten bin ich keinen einzigen Meter gelaufen! Andererseits bin ich vor meiner Verletzung fast jeden Sonntag einen Marathon gelaufen und das vor dem Frühstück. „Das schaffst du schon irgendwie“, redete ich mir ein.

Es war ein verregneter und ungemütlicher Tag, als ich mich zusammen mit Stefan auf den Weg nach Köln machte. In Köln herrschte das reinste Verkehrschaos! Unser Hotel lag in der Nähe des Starts und die Straßen waren für den morgigen Marathon bereits alle gesperrt. Eine gute Stunde lang versuchten wir vergebens zu unserem Hotel zu gelangen, bis wir die Hoffnung aufgaben und uns für ein nahegelegenes Parkhaus entschieden.

„Hi ich bin Christian. Ihr seid bestimmt auch wegen des Bloggertreffens hier“ quatschte ich am vereinbarten Treffpunkt zwei Herren in Saucony Jacke an. Dabei vergaß ich allerdings, dass Saucony der Hauptsponsor des Köln Marathons war und gefühlt jeder Zweite in der Stadt mit einer solchen Jacke durch die Gegend lief. Zum Glück kam in diesem Moment Claudia, die PR-Managerin von Saucony durch die Fahrstuhltür. Sie führte uns in den Konferenzraum, wo bereits zahlreiche andere Blogger warteten.

Als Erstes stand ein Motivationsvortrag von Andreas Niedrig auf der Agenda. Der ehemalige Junkie und heutige Profitriathlet erzählte aus seinem Leben und wie er es durch Hartnäckigkeit und Ehrgeiz schaffte, dem Drogensumpf zu entkommen und dort hinzugelangen wo er heute steht.

Nach dem Vortrag fand das Treffen mit den Saucony-Bloggern statt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde bekamen wir einen kleinen Einblick in die kommende Saucony Laufschuh-Kollektion. Anschließend konnten wir unserer Kreativität freien Lauf lassen und unseren eigenen Gymbag designen.Beim gemeinsamen Abendessen wurde überwiegend Pizza bestellt. Mit meiner Portion Gnocchis, die zudem etwas mickrig ausfiel, fühlte ich mich schon fast wie ein Außenseiter. Da nach dem Abendessen noch Platz in meinem Bauch war, besorgte ich mir später am Kiosk um die Ecke noch ein paar Snacks. Schließlich mussten die Energiespeicher für morgen gut gefüllt werden!

Die Nacht vor dem Marathon war alles andere als erholsam. Die Lage des Hotels war nicht gerade das, was man als premium bezeichnen würde. Wir kamen uns vor wie auf der Fanmeile des 1. FC Kölns. Denn durch die eher mäßig isolierten Fenster drang bis in die frühen Morgenstunden Fangesang in unser Zimmer.

Am Sonntagmorgen machten Björn Jan und ich uns nach einem leichten Hotelfrühstück auf den Weg zum Start.

Björn hatte dummerweise bei seiner Anmeldung vergessen eine Zielzeit anzugeben und musste deshalb aus dem letzten Startblock starten. Jan und ich waren im roten Block ganz vorne untergebracht. Kurz vor dem Startschuss ertönte lautstark „Hells Bells“ aus den Lautsprechern, um die Stimmung kurz bevor es losging, nochmal so richtig aufzuheizen. Dann wurde gemeinsam heruntergezählt.  

PENG! Los geht´s! Ich lief für mein Gefühl in einem recht angenehmen Tempo los. Es war sehr schwer für mich einzuschätzen, wie sich mein jetziges Tempo nach 30 weiteren Kilometern anfühlen würde. Mir fehlte einfach die Wettkampferfahrung in den letzten Jahren. Vorher war ich fast jedes Wochenende auf einem Wettkampf und konnte genau sagen, wie schnell ich bei der jeweiligen Distanz laufen konnte. Es hatte also etwas von einem Glücksspiel. Entweder geht es gut und ich komme in einer für mich starken Zeit ins Ziel, oder es wird am Ende so richtig hässlich!

Die ersten 10 Kilometer waren wirklich sehr kurzweilig. Ich fühlte mich so gut, dass ich mich bei der Pace von 4:30 pro Kilometer noch locker unterhalten konnte. Die Euphorie stieg mit jedem Kilometer, den ich schneller als geplant lief! Die Halbmarathonmarke passierte ich in einer Zeit von 01:35 und ich fühlte mich wirklich gut dabei! In meinem Kopf begann ich bereits auszumalen, wie ich in einer Zeit von 3 Stunden und 10 Minuten über die Ziellinie rasen würde.

Zwischendurch bekam ich immer Nachrichten von Stefan, wo er sich am Streckenrand positioniert hatte um Fotos von mir zu machen. Als ich nach 24,5 Kilometern an ihm vorbeilief, sah ich bereits nicht mehr ganz so locker aus! Langsam fingen die Oberschenkel an und machten sich bemerkbar. Ob es am zu schnellen Anfangstempo lag, oder einfach an dem harten Untergrund konnte ich nicht genau sagen.

Meine anfängliche Euphorie begann so langsam zu bröckeln. Ich ertappte mich dabei, wie meine Blicke in immer kürzeren Abständen auf das Display meiner Garmin wanderten. Halt durch Culli brummelte ich vor mich hin! Manchmal hilft es, sich auch mal selbst zu motivieren, auch wenn es für Außenstehende komisch aussehen mag… Ich nahm mir vor, das Tempo bis km 30 so gut wie möglich aufrecht zu erhalten und hoffte insgeheim auf ein kleines Wunder. Die letzten 12 Kilometer kannst du dich dann auch noch durchbeißen, dachte ich mir! Was sind schon 12 Kilometer?

Eine ganze Menge, wie ich später schmerzhaft feststellen musste! Jeder einzelne Kilometer kam mir auf einmal vor wie eine halbe Ewigkeit! Negative Gedanken häuften sich in meinem Kopf an und ich bekam es einfach nicht auf die Kette, diese abzustellen! Bei Kilometer 35 war es so schlimm, dass ich sogar mit dem Gedanken spielte aufzugeben. Es war ein regelrechtes Gefecht in meinem Kopf, ausgetragen zwischen meinem inneren Schweinehund und meiner Willenskraft! An den Verpflegungsstationen stoppte ich nun immer kurz und trank einen Becher Cola und nahm ein Gel zu mir.

Ich schaute auf die Uhr und begann zu rechnen. Ich kann es immer noch unter 3:30 schaffen, wenn ich langsam weiter laufe, stellte ich fest. Also biss ich die Zähne zusammen und machte weiter! Ich versuchte mich auf die Zuschauer zu konzentrieren und mich irgendwie abzulenken. Ich wollte es unbedingt bis an diesen verflixten Dom schaffen, koste es was es wolle! Ich wollte mein Team und Saucony auf keinen Fall enttäuschen. Ich wollte nicht nach Hause fahren mit dem Gefühl gescheitert zu sein! Wenn mein Körper irgendwie in der Lage ist das Ding zu beenden, dann werde ich das tun!

Auf den letzten Kilometern wurden die Zuschauer immer lauter. Das half mir wirklich enorm um weiter zu machen! Vermutlich sahen mir die Menschen hinter der Absperrung an, dass ich am Ende war und feuerten mich umso mehr an!

Nach wirklich schlimmen 12 Kilometern lief ich endlich auf die Zielgerade. Ich stoppte die Zeit und war überglücklich, dass ich es noch in 03:23:03 geschafft habe! Überglücklich es durchgezogen zu haben, trotz alldem Schmerz!

Nach dem Lauf machten wir uns zügig auf den Weg zurück ins Hotel, wo wir glücklicherweise den Saunabereich zum Duschen nutzen konnten. Mit dem Auto aus Köln zu gelangen war eine absolute Katastrophe. Überall waren Straßen wegen dem Marathon gesperrt und die Umleitungsschilder waren wirklich leicht zu übersehen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut die Pizza schmeckte, die ich mir an diesem Abend zu Hause gönnte!

Der Köln Marathon war für mich eine krasse Erfahrung! Erst im Nachhinein wurde mir richtig klar, was es heißt, einfach mal so einen Marathon zu laufen, ohne wirkliche Vorbereitung. Dieser Lauf hat irgendetwas in mir entfacht. Dieses Gefühl, als ich über die Ziellinie lief, hat irgendetwas in mir ausgelöst. Schone lange habe ich mich nicht mehr so zufrieden gefühlt! Der Köln Marathon hat meinen Ehrgeiz wieder geweckt und ich habe mich entschlossen, von nun an wieder strukturierter und besser zu trainieren. Ich will mehr von diesen Erfolgserlebnissen!

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Saucony.

Einen Überblick über die Anderen Saucony Blogger findest du hier:

Jan von Runningculture

Björn von Idealegerade

Patrick von itsrunningtime

Felicitas von Felinipralini

Carolin von Carostriaworld (Instagram)

Eva von Evaslaufliebe (Instagram)

Stephanie von Fitness.Stephi (Instagram)

Moni von Moni.run.lift.love (Instagram)

Sarah von Sarah.runs.her.world (Instagram)

 

 

 

 

GELITA Trail Marathon Heidelberg

Es läuft gerade sehr gut. Ich schwebe förmlich über die Trails. So muss sich ein Runners High anfühlen. Ich lasse reihenweise andere Läufer hinter mir, so kann es weitergehen!

Im nächsten Moment wache ich auf. Misst, nur ein Traum. Doch was für einer, denn heute findet tatsächlich der Trail Marathon in Heidelberg statt. Schon seit Längerem spiele ich mit dem Gedanken dort zu starten, doch letztendlich habe ich mich doch dagegen entschieden. Und nun dieser Traum, der mich morgens um halb Sieben aus dem Schlaf reißt. Normalerweise glaube ich nicht an Zeichen und solchen Kram, doch wenn es so etwas wie ein Zeichen gibt, dann war dieser Traum ohne jeden Zweifel eins!

Was habe ich auch schon zu versäumen? Dann laufe ich meinen langen Sonntags-Lauf eben heute Mal in Heidelberg. Ein bisschen Abwechslung könnte ich sowieso gebrauchen.

Ich springe aus dem Bett, denn die Zeit ist knapp. Im Rekordtempo packe ich meine Wettkampf-Tasche und bin mir fast schon sicher, in der Hektik irgendwas Wichtiges zu vergessen. Schnell wie noch nie bereite ich mein Porridge zu, und ebenso schnell verschlinge ich den wirklich heißen Brei.

Gut 2 Stunden später betrete ich die Bergbahn in Heidelberg, die mich und andere Verrückte hoch zum Schloss befördert. Dort befindet sich der Start, des mit 1.500 Höhenmetern steilen Trail Marathons.

Für günstige 80,-€ erwerbe ich bei der Nachmeldung im Innenhof des Schlosses meine Startunterlagen. An einem Verkaufsstand gönne ich mir noch einen Oatbar, den ich noch vor dem Start verdrücke und zwei Powerbars die in meinem Rucksack Platz finden.

Nun geht´s auf zum Schlossgarten, wo sich Umkleiden, Taschen-Aufbewahrung, sowie der Start befinden. Ebenso sollte es hier eine Möglichkeit geben seinen Trinkrucksack zu befüllen. Leider kann ich diese nicht ausfindig machen und um zurück zum Innenhof zu laufen, ist die Zeit mittlerweile zu knapp.

Mittlerweile laufen die letzten Sekunden bis zum Start. Begleitet von Hells Bells von ACDC, gibt der Moderator das Startsignal.

Los geht´s. Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzt sich die Läufer-schar auf die bevorstehenden, harten 42,195 Kilometer.Heidelberg Trail Marathon Start

Zunächst geht es steil bergab in Richtung Altstadt. Ratsch! Fast haut es mich auf dem nassen Kopfsteinpflaster auf die Nase. – Gerade noch mal Glück gehabt!

Über die alte Brücke, die ich schon vom Heidelberg Halbmarathon kenne, überqueren wir den Neckar.alte Brücke Heidelberg

Nach 3 Kilometern wartet bereits voller Schadenfreude, der erste, steile Anstieg. Relativ schnell wechsle ich vom Laufschritt zum flotten Geh-tempo. Eine weise Entscheidung, wie sich später noch herausstellen wird.

Der gestrige 26 Kilometer Trainingslauf, der mit seinen 500 Höhenmetern nicht gerade flach war, steckt mir noch ordentlich in den Muskeln. Hätte ich vorher gewusst, dass ich heute einen der härtesten Marathons der Welt laufen würde, hätte ich meine Beine still gehalten.

Was soll´s damit muss ich nun leben.

Das nächste Schmankerl wartet schon nach 5,5 Kilometern auf mich. 178 Stufen geht es durch die Thingstädte steil bergauf. Die Berge in denen ich vorher eigentlich meine Stärke sah, sind heute ein echtes Problem für mich.

Thingstätte Heidelberg

Nach harten 7 Kilometern, geht es zum Glück erst mal bergab.  Der Kurs führt über schmale Trampelpfade die von Wurzeln und Stolpersteinen nur so wimmeln. Als wäre das nicht schon genug, verleiht der Dauerregen dem ganzen noch eine ordentliche Portion Rutschgefahr und macht die Quälerei somit perfekt.

Trotz der schwierigen Streckenverhältnisse, versuche ich bergab Tempo zu machen. Es erfordert ein Höchstmaß an Konzentration, um den ganzen Hindernissen auszuweichen, meine Augen sind permanent auf die Strecke gerichtet. Zack! Im nächsten Augenblick lande ich auch schon volle Karacho im Schlamm. Glücklicherweise waren keine Steine oder sonstige Spitze Gegenstände in meiner Landezone. In der Hoffnung, dass niemand diesen peinlichen Abgang bemerkt hat, rappele ich mich auf und renne weiter.

Eine innere Stimme sagt:  „Du hast es doch selbst so gewollt Christian“

Endlich, die erste Verpflegungsstation! Nach gut 9 äußerst anstrengenden Kilometern, greife ich nach einem Becher Elektrolytgetränk, stecke mir ein Stück Müsliriegel in die Backentasche und nehme den den nächsten Anstieg in Angriff.  Ich hatte schon viel früher das Verlangen nach etwas flüssigem, doch dummerweise ist mein Trinkrucksack leer. Soll ich meinen Rucksack hier noch schnell auffüllen? – Nein kostet zu viel Zeit, lauf weiter!

Bis Kilometer 18, geht es jetzt erst mal aufwärts. Auf einer Höhe von 548 Metern befindet sich der „Weiße Stein“. Leider liegen zwischen mir und dem weißen Stein noch ungefähr 500 Meter positive Höhendifferenz.

Ich bin kurz davor auszusteigen. Mein Schnitt ist unter aller Sau und meine Beine fühlen sich beschissen an! Doch dann wäre ich völlig umsonst den weiten Weg nach Heidelberg gereist und hätte völlig umsonst 80,-€ Startgeld bezahlt! Das würde mich die nächsten paar Wochen beschäftigen. Also weiter geht´s, egal wie weh es tut!

Endlich, da ist er, der weiße Stein! Die nächsten 12 Kilometer geht es jetzt fürs Erste bergab. Richtig Fahrt aufnehmen kann ich jedoch nicht, die Beine sind schon zu müde um nochmal ordentlich auf die Tube zu drücken. Also versuche ich mich von den Strapazen etwas zu erholen und mich für den nächsten und letzten Gipfel zu rüsten.Heidelberg Trail Marathon Weißer Stein

Schluss mit lustig, genug mit bergab, jetzt wird´s steil! Und zwar für die nächsten 6 Kilometer. Die Spitze des Eisbergs beginnt definitiv ab Kilometer 36. Ab hier geht es die Himmelsleiter hinauf, Laufen ausgeschlossen! Über Naturstein-Stufen, welche schief, äußert hoch und zudem noch rutschig sind, geht es über gut einen ganzen Kilometer, 200 Höhenmeter steil nach oben. Ganze 15 Minuten kostet mich diese Leiter der Quälerei.Himmelsleiter

Oben brauche ich erst mal eine Pause. An der Verpflegungsstation schütte ich unzählige Becher Afri-Cola in mich hinein und schiebe zwei Gels hinterher.

Auf den Weg herunter zum Schloss habe ich mich zu früh gefreut, denn die Bezeichnung Weg, hat diese Buckelpiste eigentlich nicht verdient. Ich habe Mühe überhaupt unter einem Schnitt von 7 Minuten pro Kilometer zu bleiben, und dass BERGAB!

Ich bin so erleichtert als die Mauern des Heidelberger Schlosses in der Ferne auftauchen! Ich bin froh, überhaupt das Ziel erreicht zu haben. Ganze Vier Stunden, Neun Minuten und 16 Sekunden habe ich für die 42,195 Kilometer gebraucht. Ziel Heidelberg Trailmarathon

Diese Zeit gilt es nächstes Jahr zu toppen.

 

 

100 Kilometer-Lauf in Biel/Bienne

Langsam legt sich die Dunkelheit und mein Sichtfeld wächst über den Lichtkegel der Stirnlampe hinaus. 80 Kilometer habe ich bereits hinter mir gelassen, weitere 20 liegen noch vor mir. Eigentlich ein Klacks, doch mit jedem Schritt jagen Schmerzen durch meinen ganzen Körper, die mit Worten nur noch schwer zu beschreiben sind. Wie schön wäre es jetzt einfach stehen zu bleiben, doch ans Aufgeben verschwende ich noch keine Gedanken. Noch nicht. Soviel steht jedoch fest, heute Nacht wird meine Willenskraft auf ihre bisher größte Probe gestellt.


Schon seit einigen Stunden liege ich wach im Bett. Die Aufregung ist zu groß um nochmal einzuschlafen. Die Ungewissheit über die bevorstehende Nacht  lässt mir keine Ruhe.  Fast schon erleichtert steige ich aus dem Bett, als der Wecker um 9:00 Uhr endlich klingelt.

Mein Tagesablauf ist bis in kleinste Detail minutengenau geplant. Der erste Punkt, den ich sogleich in Angriff nehme, ist das Frühstück. Damit werden die über Nacht geleerten Glykogenspeicher in der Leber wieder aufgefüllt, zu späterer Stunde werde ich jedes einzelne Kohlenhydrat benötigen.  Wie an Wettkampftagen üblich setze ich auf den altbewährten Haferbrei, für Experimente ist heute kein Platz.  Auf die geliebte Tasse Kaffee muss ich jedoch verzichten, denn ich bin schon seit einer Woche auf Koffeinentzug. So lässt sich die aufmunternde Wirkung von Koffein wieder herstellen, wenn man so wie ich ein Kaffeejunkie ist und sich bereits eine gewisse Immunität entwickelt hat.

Die Tageszeitung lege ich ungelesen beiseite, dafür ist keine Zeit. Erneut gehe ich bereits zum Xten Mal meine Checkliste durch, bevor ich die Ausrüstung in meiner Tasche verschwinden lasse. Sicher ist sicher…Ausrüstung

Fast zeitgleich mit der Ankunft von Thomas schließe ich den Reisverschluss meiner Sporttasche,  die anschließend im Kofferraum verschwindet.  Geduldig warten wir jetzt noch auf die letzten Reisebegleiter. Die backen derweil noch munter im Backofen vor sich hin, denn ihre Bräune lässt noch etwas zu wünschen übrig.  Nachdem ich mir beim Herausnehmen der Laugenstangen meine Finger am Backblech verbrannt habe, kann es endlich losgehen.

Gehorsam folgt Thomas den Befehlen des Navigationssystems, das uns durch die abgelegensten Ecken Frankreichs leitet. Vielleicht war es keine so gute Idee bei der Routenwahl „kürzeste Route“ zu wählen…  Es rollt überhaupt nicht, eine Baustelle jagt die nächste und wenn mal keine Baustelle in der Nähe ist, behindern LKWs oder Traktoren den Verkehr. Zum Glück ist für den Hunger vorgesorgt,  denn wir sind bis auf die Zähne mit allerlei Leckereien bewaffnet. Ich beschränke mich jedoch auf Laugenstangen und Kekse, die BiFis und Apfeltaschen die mir Thomas anbietet, lehne ich mit Rücksicht auf meine nervöse Verdauung dankend ab. Gerade rechtzeitig, bevor unsere Nahrungsmittelvorräte zu Neige gehen, erreichen wir Biel. Zwar zwei Stunden später als geplant, doch immer noch früh genug. Trotz Verspätung finden wir prompt einen freien Parkplatz in Startnähe, einer der Letzten, wohlgemerkt.

Ohne zu trödeln machen wir uns auf den Weg zum Kongresshaus um unsere Startnummern abzuholen. Alles funktioniert schnell und reibungslos. Uns bleibt noch ausreichend Zeit um die verschiedenen Stände diverser Sportartikelhersteller zu begutachten,  bevor ich mich um neun Uhr vorerst von Thomas verabschieden muss. Leider dürfen die Radbegleiter beim Start nicht dabei sein, vermutlich wäre das Gedränge dann zu groß. Erst bei km 22 wird Thomas in das Rennen einsteigen.

Bis zum Start ruhe ich mich noch etwas in Startnähe aus. Langsam spüre ich, wie mich die Müdigkeit einholt. Dabei stelle ich mit Erschrecken fest, dass  die Koffeintabletten, die mir vor dem Start noch eine Portion Energie verschaffen sollten, noch im Auto liegen.  Den Schlüssel hat Thomas, der mittlerweile bereits  über alle Berge ist. Eine Woche Kaffeeverzicht für die Katz….

Um halb Zehn versammeln wir Läufer uns hinter der Startlinie. Ich bin aufgeregt und etwas ängstlich zugleich. Werde ich die Nacht besiegen?  War der Anreisetag  vielleicht etwas zu viel für mich? Ich habe keine Ahnung. Das Warten im Startblock kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Endlich, die letzte Minute des Countdowns ist angebrochen.

Kawumm! Mir scheint als wäre nicht nur die Distanz riesig, sondern auch die Startpistole. Ein lauter Knall eröffnet die Jagd, die erst am nächsten Morgen ihr Ende finden wird. Begleitet von dem Song „Tage wie diese“ von den Toten Hosen laufen wir in die Nacht hinein. Die ersten Kilometer führen uns durch die Straßen von Biel. Der Straßenrand ist übersäht von Zuschauern, die uns mit ihren Jubelschreien Mut machen. Trotz dem ganzen Spektakel fühle ich mich müde und schlaff. Mein Puls ist höher als gewohnt bei diesem Tempo. Schweißperlen laufen mir durchs Gesicht, es ist sehr warm und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Was für ein Start…

6 Kilometer sind geschafft, da kommt auch schon der erste Anstieg. 85 Höhenmeter, verteilt auf 2,5 km, stehen mir bevor.  Bewusst schalte ich einen Gang zurück um meine Muskeln nicht schon in diesem frühen Stadium müde zu machen.

Meine Ernährungsstrategie geht anfangs nicht ganz auf, denn ohne Flüssigkeit kann ich keine Energiegels aufnehmen. Ohne Thomas muss sich meine Kalorienzufuhr auf diesem ersten Teil also auf die Verpflegungsstationen beschränken.

Als ich den Ort Lyss erreiche, laufe ich bereits knappe zwei Stunden durch die schwüle Juninacht. Dies ist ein wichtiger Ort, denn hier treffen (hoffentlich) die Läufer auf ihre Radbegleiter.  Etwas verdutzt nehme ich das Chaos wahr, das sich links und rechts von mir abspielt. Hunderte von Zuschauer machen die Nacht zum Tag, dazwischen befinden sich immer wieder einzelne Radbegleiter, die auf ihre Läufer warten. Nervös reduziere ich das Tempo und scanne den Streckenrand nach Thomas ab, der eigentlich erst in 10 Minuten mit meiner Ankunft rechnet. In diesem Chaos jemanden zu finden ist so gut wie unmöglich. Muss ich die 100 Kilometer womöglich alleine bewältigen?  Ich gerate etwas in Panik, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Als ich fast am Ende des ganzen Tumults angekommen bin, entdecke ich Thomas, der dem Chaos etwas entflohen ist.

Von nun an geht es vorerst zu zweit weiter. Die anfängliche Müdigkeit ist überwunden und das ganz ohne Koffein. Ich fühle mich gut und renne fast schon etwas euphorisch durch die fast mondlose Nacht. Alle 25 Minuten nehme ich ein GU Roctane Energy Gel zu mir, dicht gefolgt von einem kräftigen Schluck Elektrolytegetränk. Ich bin froh jemanden wie Thomas an meiner Seite zu haben, dessen vollgepackter Rucksack so manche Verpflegungsstation in den Schatten stellen würde. Wir quatschen über alles mögliche während wir Kilometer für Kilometer hinter uns lassen. Von Langeweile ist keine Spur, vertieft in Männergespräche vergeht die Zeit wie im Flug.Biel 100 km Nacht

Mit jedem Läufer an dem wir vorbei ziehen, steigt meine Motivation. In den Dörfern die wir unterwegs passieren, haben sich trotz der späten Stunde Zuschauer versammelt, um uns Läufer mit Applaus zu unterstützen.

Problemlos passieren wir Kilometer 50 und nehmen die zweite Hälfte in Angriff. Bis jetzt läuft es sehr gut, mein Tempo ist deutlich höher als geplant, hoffentlich halte ich das durch. Es dauert nicht lange, da melden sich auch zum ersten Mal meine Beine. Es sind keine besonders schlimme Schmerzen, doch ich fürchte, dass sich dies noch ändern wird. Ich beginne damit, die vor mir liegende Distanz in kleine Häppchen aufzuteilen: Noch ein paar Kilometer bis zum Ho-Chi-Minh-Pfad, danach sind es „nur noch“ 33 Kilometer, die schaffe ich dann auch noch irgendwie.

Bei Kilometer 56 verabschiede ich mich noch ein letztes Mal von Thomas, der bis Kilometer 67 einen Umweg nehmen muss. Dieser Abschnitt ist technisch etwas anspruchsvoller und deshalb für Radfahrer tabu.

Es ist immer noch stockdunkel als ich auf dem schmalen Pfad in das Waldstück einbiege. Von einem auf den anderen Moment herrscht absolute Stille. Keine grölenden Zuschauer weit und breit. Abseits von beleuchteten Straßen und Verpflegungsstationen folge ich mit nach unten gerichtetem Blick dem Pfad. Unterbrochen wird diese Dunkelheit nur durch kleine Markierungsleuchten, die in regelmäßigen Abständen signalisieren, dass ich noch richtig bin. Irgendwie fühle ich mich gut in diesem Augenblick und steigere mein Tempo. Vielleicht geht es auch einfach nur leicht bergab, was ich in der Dunkelheit jedoch nicht erkennen kann. Immer wieder tauchen in der Ferne die tanzenden Lichter anderer Läufer auf, die ich meist kurze Zeit später hinter mir lasse.

Verwundert laufe ich an den Radbegleitern vorbei, die bei km 67 warten. Ich habe gar nicht registriert, dass ich bereits 12 km zurückgelegt habe.  Stolz erzähle ich Thomas, der über meine frühe Ankunft sichtlich überrascht ist, von den vielen Läufern die ich auf diesem Teilstück hinter mir gelassen habe.

Kurze Zeit später erhalte ich dafür auch prompt die Quittung. Von einem auf den anderen Moment fühle ich mich wie erschlagen. Die Schmerzen in meinen Beinen lassen sich nicht mehr einfach ignorieren. Mein ungezügelter Wortschwall, der auf den ersten 55 Kilometern noch herrschte, ist verstummt.  Wenn ich nun etwas sage dann ist das meist:  Ich brauche Wasser, oder ich brauche Gel. Apropos Gel, ich kann dieses klebrige Zeugs nicht mehr sehen. Ich brauche endlich was Richtiges zwischen den Zähnen! An der nächsten Verpflegungsstation stoppe ich kurz und greife mir einen Energieriegel, den ich mit einem Becher Pepsi hinunterspüle.  Die genau geplante Ernährungsstrategie ist vergessen, 240 Kalorien pro Stunde hin oder her. Ich greife das, wonach mir gerade der Kopf steht und das sind momentan Riegel und Pepsi.

Mittlerweile hat auch Thomas bemerkt, dass sich bei mir etwas verändert hat. Mit den Worten

„Schmerz ist nur ein subjektives Empfinden“

versucht Thomas mich aufzuheitern und zu ermutigen weiter zu machen.

Thomas Hände sind schon ganz klebrig von den Pepsibechern, die er für mich transportiert.  Als ob das nicht schon genug wäre, wird er an der nächsten Verpflegungsstation von einem Pepsi-Becher eines anderen Läufers erfasst, dessen Feinmotorik scheinbar schon etwas unter den Strapazen leidet.

Bei Kilometer 77 wird es noch einmal richtig hart, ein fieser Anstieg baut sich wie eine Wand vor uns auf. Die Läufer vor mir gehen hier hoch und sind dabei nicht langsamer als ich im Laufschritt. Trotzdem kämpfe ich mich, wenn auch nur langsam, aber laufend,  diesen letzten Hammer hinauf. Nachdem dieser letzte Berg geschafft ist,  findet auch die Nacht so langsam ihr Ende. Das Morgengrauen (zu diesem Zeitpunkt für mich wirklich ein Grauen) bricht heran. Die Landschaft um uns herum wird von Kilometer zu Kilometer klarer. Eine Bäckerei, deren Duft von frisch gebackenen Brötchen auf die Straße dringt, lässt meinen Magen rebellieren.Biel 100 km morgengrauen

Morgengrauen

Es dauert nicht mehr lange bis zur 90 Kilometer – Marke. Meine Beine tun mittlerweile höllisch weh, jeder einzelne Schritt kostet Überwindung. Mir scheint als würden die Kilometer immer länger werden, mein Blick ist fast permanent auf meine Uhr gerichtet, deren Display scheinbar auf Zeitlupe gestellt ist. Ich versuche einen Fuß vor den anderen zu setzten und suche mir immer wieder kleine Ziele in meiner Umgebung, die ich mir vornehme zu erreichen. Unaufhörlich versucht mir mein Körper mitzuteilen: Ich kann nicht mehr hör doch auf, es ist genug! Es fällt mir äußerst schwer diesem Drang nicht nachzugeben. Doch ich habe mich nicht 90 Kilometer durch die ganze Nacht gequält um jetzt so kurz vorm Ziel aufzugeben.

Ganze 1,5 Minuten mehr Zeit, benötige ich mittlerweile für den Kilometer. „Genieß die letzten 10 Kilometer, bald hast du es geschafft“ sagt Thomas gelassen zu mir, doch an genießen ist nicht mehr zu denken. Genießen kann ich erst, wenn ich in den bequemen Sitzen von Thomas Renault versinken kann. Meter für Meter kämpfe ich mich mit schweren,  schlürfenden Schritten weiter in Richtung Ziel. Nur noch ein paar Kilometer liegen vor mir. Ein letztes großes, fast unüberwindbares Hindernis, bäumt sich vor mir auf. Eine Brücke, die über eine kreuzende Straße führt, raubt mir  bei km 98 auch noch das letzte bisschen Kraft in den Beinen. Jetzt ist es fast geschafft. Ein Kribbeln macht sich in mir breit und Freude steigt auf. Vor mir tauchen Straßenabsperrungen auf, die die Strecke beim Start von den Zuschauermengen abschirmte. Von diesen Zuschauermengen sind nur wenige hart gesottene übrig geblieben, oder wahrscheinlich schon wieder da. Kein Wunder, es ist ja auch 7 Uhr in der Früh. Die, die noch hier stehen, geben mir Beifall und feuern mich an. Ich kann es gar nicht richtig fassen als ich die Ziellinie überquere, alles wirkt irgendwie so surreal. Ich bin so glücklich und erleichtert, dass mir fast ein paar Tränen entweichen. Meine Zeitvorstellung von unter 10 Stunden, habe ich mit 8 Stunden, 54 Minuten und 24 Sekunden deutlich getoppt. Was für ein Erfolg!

ZieleinlaufBiel 100 km Thomas

Unmittelbar nach dem Rennen sind wir die  5 – stündige Heimreise angetreten. Nun sitzen Thomas, seine Freundin und ich,  gemeinsam mit meinen Eltern zusammen und genießen die Pizza, welche meine Mutter zur Feier des Tages gebacken hat. Es gibt viel zu erzählen und zu lachen an diesem Abend. Eigentlich bin ich satt, doch ich schaffe noch zwei Stücke Linzer Torte, die ich mir für heute gewünscht habe.

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