Tag

Wüste

Browsing

The Namibia Crossing

Eine Achterbahnfahrt durch die Wüste

Dieser Lauf würde anders sein. Anders als alles, was ich bisher kannte. Ich hatte die letzten 6 Monate wirklich hart trainiert für dieses Ereignis und doch fühlte ich mich irgendwie unvorbereitet. Aber wie soll man sich auch vorbereiten auf einen 200-Kilometer langen Lauf, durch eine der ältesten Felswüsten der Erde? Ich hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung was genau da auf mich zukommen würde, aber genau das war das reizvolle daran!

Als ich am Morgen der Abreise aufwachte war ich geschockt! Das konnte doch jetzt einfach nicht wahr sein! Mein Kopf brummte wie verrückt und meine Nase war verstopft. Kurz gesagt, ich fühlte mich absolut beschissen! Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren? Konnte mein Körper nicht einfach noch 2 Wochen damit warten?

Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Würde ich jetzt auf meine Vernunft hören, dann dürfte ich nicht in den Zug zum Flughafen steigen. Vernünftig wäre es wohl, sich in eine Decke einzuhüllen und Pfefferminztee zu trinken. Doch mir war klar, dass ich zu Hause jede Sekunde darüber nachdenken würde, welches unvergessliche Abenteuer mir da gerade durch die Lappen ginge. Ganz zu schweigen davon, wie ich mich fühlen würde, wenn es mir morgen plötzlich besser gehen würde.

Also stieg ich in den Zug. Allerdings war ich vorher noch schnell bei meinem Arzt und habe mir ein Okay geholt. Generell rate ich jedem dringend davon ab sich sportlich zu betätigen, wenn man sich gesundheitlich nicht gut fühlt!

Am Flughafen traf ich mich mit Astrid von Brooks, Henning dem Runners World Redakteur und Stephan unserem Fotografen, mit denen ich bereits im November für ein Fotoshooting nach Namibia gereist war. Ebenfalls mit von der Partie waren Henrik und Sandra, die die Startpläzte über ein Gewinnspiel gewonnen hatten.

Zwischen uns und unserem ersten Ziel in Oranjemund lag eine insgesamt 24-stündige Anreise. Dieser Stopp war ursprünglich nicht geplant, doch aufgrund einer Flug-Stornierung mussten wir einen Tag früher anreisen. Im Grunde gar keine schlechte Sache, denn so hatten wir einen Tag mehr um uns an die Gegebenheiten vor Ort anpassen zu können.

Bild: Stephan Wieser

In Namibia war es gerade Winter und eigentlich sollten sich die Temperaturen zwischen 20 und 25 Grand bewegen. Doch eine Hitzeperiode ließ uns regelrecht dahinschmelzen. Das war mit meiner Erkältung – an der sich seit gestern leider nichts gebessert hatte – nochmal deutlich unangenehmer, als es sowieso schon war!

Nachdem wir uns ein wenig von unserer langen Reise erholt hatten, nutzten wir die Gelegenheit noch für einen letzten kleinen Shakeoutrun. Dabei musste ich feststellen – welch Überraschung – dass mein Körper nicht zu 100% fit war. Es fühlte sich nicht unbedingt super schlecht an, aber auch nicht besonders gut! Gott sei Dank war der Start erst in zwei Tagen. Vielleicht würde ich mich bis dahin ja noch etwas erholen.

The Day before

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Camp. Die vergangene Nacht war die Letzte in einem richtigen Bett.

Nach einer 1,5 stündigen Fahrt überquerten wir mit einer Fähre den Fluss Oranje, welcher Namibia von Südafrika trennt. Auf der südafrikanischen Seite trafen wir Owen, den Veranstalter des Rennens und Marion, die für das leibliche Wohl der 32 Teilnehmer zuständig war. Beide hatten wir schon im November letzten Jahres auf unserer ersten Reise kennen gelernt. Ich kann mich noch genau an die ersten Worte von Marion im letzen Jahr erinnern: „I´m our Mama for the next days“! Marion war der Hammer! Was sie mitten im Nirgendwo aus ihrer kleinen Feldküche zauberte, ließ absolut keine Wünsche offen. Ich freute mich schon richtig auf die Verpflegung in den nächsten Tagen!

Als wir unser erstes Camp erreichten, standen unsere Zelte bereits fertig aufgebaut in zwei sauberen Reihen auf einer grünen Wiese. Wohlgemerkt die letzte grüne Wiese für die nächsten Tage. An den Zelten hingen Anhänger auf denen unsere Startnummern standen. Jeder Teilnehmer hatte sein eigenes Zelt, welches mit einem kleinen Feldbett ausgestattet war. Bei unserer Ankunft haben wir große orangene Taschen bekommen, in die wir nun unser Zeug packen mussten, welches wir für die nächsten 5 Tage benötigten. Diese würden dann in der Zeit in der wir rennen, zu unserem nächsten Camp transportiert werden.

Bild: Stepahn Wieser

Am Abend vor dem Start gab es noch einige Vorträge über den Ablauf des Rennens und den ǀAi-ǀAis Richtersveld Transfrontier Park. Dieser beinhaltet den zweitgrößten Canyon der Welt – den Fishriver Canyon. Auch wenn man es im ersten Augenblick nicht glauben mag, so gehört die Flora dieses Parks zu einer der artenreichsten unseres Planeten. Pro Quadratkilometer ist die Pflanzenvielfalt ähnlich groß wie die des Amazonas!

LET THE PARTY BEGIN

Etappe 1 – 34,98 km; 715 HM; 3:50:17

Die erste Nacht im Zelt fühlte sich erstaunlich gut an. Entgegen meinen Erwartungen habe ich echt gut geschlafen auf meinem kleinen Feldbett! Ich fühlte mich zwar nicht als könnte ich Bäume ausreißen, aber es ging mir etwas besser als gestern. Nachdem ich meinen Schlafsack wieder in die viel zu kleine Tasche gequetscht hatte und meine Laufweste mit 1,8 Litern Elektrolytgetränk und 4 Energy-Gels befüllt hatte, wurde es so langsam ernst. Ich gab meine Sachen, welche ich glaubte für die Nächsten 5 Tage zu benötigen, beim Bus ab und machte mich auf den Weg zum Frühstücksbuffet. Normalerweise bin ich kein guter Frühstücker, aber da ich gleich 40 Kilometer durch die Wüste rennen würde, zwängte ich immerhin zwei Erdnussbutter Toasts in mich hinein.

Mit dem Bus wurden wir zu unserem 30 Minuten entfernten Startpunkt chauffiert. Aus dem Fenster konnten wir dabei zusehen, wie die Morgensonne langsam aufstieg und die Wüste in Licht tauchte.

Das Teilnehmerfeld war mit 32 Läufern und Läuferinnen sehr überschaubar. Die obligatorischen Überlegungen, wer schneller oder langsamer als ich sein würde, sparte ich mir heute. Mein Ziel war es den Lauf einfach nur irgendwie zu überleben! Damit wäre ich schon sehr zufrieden.

3 2 1 Go Go Go

Es war noch angenehm kühl als der Startschuss der ersten Etappe um 07:30 fiel. Im Gegensatz zu fast allen anderen war ich an diesem Morgen noch mit Jacke unterwegs, denn das letzte was ich gebrauchen konnte, war meine Erkältung noch zu verschlimmern. Henning und Henrik setzten sich gleich zu Beginn des Rennens deutlich ab. Ich versuchte erst gar nicht mitzuhalten und positionierte mich in einem für mich gemütlichem Tempo in der Verfolgergruppe. Die Route führte anfangs über eine sandige Schotterpiste, die wir jedoch relativ schnell wieder verließen um auf einen Trampelpfad auszuweichen. Dieser windete sich den ersten Berg des Tages hinauf.Vernünftig wie ich eben bin, zog ich es erst gar nicht in Erwägung den steinigen Trail hinaufzurennen, sondern wechselte gleich ins Gehtempo. Hier wurde ich auch gleich von einigen Läufern und Läuferinnen überholt, doch das juckte mich nicht weiter. Mir fehlte einfach die Kraft, das machte sich vor allem bergauf bemerkbar.. Schon bald führte mich der GPS Track auf meiner Garmin runter von dem Trail und es ging Querfeldein weiter. Im Slalom lief ich durch das Gestrüpp, über den staubigen roten Untergrund, immer hochkonzentriert um nicht auf einem der vielen Steine schon zu Beginn des Rennens umzuknicken. In der Ferne, mitten im Nirgendwo, Standen 2 Leute mit einem Fahrzeug, die mir zuwinkten. Das müsste der erste Checkpoint sein. An diesen Checkpoints musste man seine Landkarte vorzeigen, die zur Plfichtausrüstung gehört. Auf dieser waren 5 Kontrollkästchen, welche an jedem Checkpoint abgehakt werden mussten.

Während des nächsten Downhills konnte ich die Anderen, die mich am ersten Berg überholt hatten, wieder einholen. Zusammen bogen wir in ein ausgetrocknetes Flussbett ein, welches einen Großteil der heutigen Etappe ausmachen würde. Im Flussbett selbst war es gar nicht so einfach zu laufen. Entweder war der Boden sehr weich und man kam nur langsam voran, oder man musste höllisch aufpassen, dass man auf den vom Wasser rundgeschliffenen Steinen nicht umknickt. Deshalb war es cleverer, neben dem Flussbett zu laufen, wo alles etwas „fester“ war. Hier gab es viele „game trails“ also Pfade die von den einheimischen Tieren, wie Leoparden, Bergzebras etc. genutzt wurden. Darauf ließ es sich deutlich angenehmer laufen. Nach ca. 17,5 Kilometern erreichten wir die Erste und Einzige Verpflegungsstation auf der Strecke. Die Verpflegungsstationen boten das Nötigste um die Vorräte wieder aufzufüllen. Gummibärchen, Trockenfrüchte, Cola, Iso und Wasser. Während die Anderen aus meiner Gruppe noch etwas an der Station verweilten, machte ich mich zügig auf die Weiterreise. Bis auf einen Geröllberg, den ich, wie ich später erfuhr, auch einfach hätte umlaufen können, ging es nun etwas einfacher weiter. Der GPS Track führte über eine weite, trockene und surreale Landschaft. Ich kam mir fast vor wie ein Astronaut auf einem anderen Planeten (nur ohne Raumanzug halt ;)! 10 Kilometer vor dem Ziel wurden die Beine dann auch so langsam schwerer. Die Hitze, die Erkältung und die ungewohnte Umgebung trugen sicher ihren Teil dazu bei. Kurz vor dem Ziel sah ich Henning und Stephan in der Wüste stehen:

„Culli, du bist Zweiter!“ riefen sie mir zu!

Ich hätte jetzt so ziemlich mit allem gerechnet, aber damit nicht. Henrik war scheinbar noch nicht so ganz vertraut mit seinem GPS Gerät und musste deshalb ein paar unfreiwillige Extrakilometer drehen. Henning die Rakete hatte mit einem 45 minütigen Vorsprung Alles und Jeden in den Schatten gestellt und schien schon jetzt unbesiegbar. Ich überquerte die Ziellinie nach 3 Stunden, 38 Minuten, 35 Kilometern und 715 Höhenmetern. Für mich war das ein toller Erfolg! Von einfach nur durchkommen auf den zweiten Platz, das konnte sich sehen lassen! So dürfte es die nächsten Tage weitergehen!

Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt

Etappe 2 – 39,41km; 775hm; 5:09:10

Am nächsten Morgen lief es erst genauso gut weiter. Die anfangs noch müden Beine wurden von Kilometer zu Kilometer besser. Zu viert ging es gemeinsam über die endlosen Weiten der Springbock Flat. Nach 15 gut laufbaren Kilometern erreichten wir den Fuß des Tatasberg, welchen wir in der heutigen Etappe einmal überqueren mussten. Der Berg sah aus wie ein überdimensionaler Geröllhaufen, der aus hausgroßen, runden Felsbrocken bestand. Der Aufstieg war sehr beschwerlich. Man musste sich durch enge Spalten quetschen, von Stein zu Stein springen und sich teilweise auf allen vieren fortbewegen. Überall lauerten scharfe Kanten, an denen man sich wenn man nicht aufmerksam war, ganz schnell Arme und Beine aufritzen konnte! Ich kam mir verdammt klein vor in diesem riesigem Steinlabyrinth. Teilweise mussten Steigungen von bis zu 40% überwunden werden!

Bild: Mark Sampson

Doch die Mühe blieb nicht unbelohnt. Oben auf der Spitze bot sich ein spektakulärer Ausblick über den Nationalpark. Allzu lange wollte ich allerdings nicht innehalten, denn bergauf konnte ich nicht mit Daniel und Silvie mithalten und ich wollte den Abstand nicht zu groß werden lassen. Bergab musste man verdammt gut aufpassen, um nicht auf den spitzen und losen Steinen hinzufliegen. Das würde einem im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern aufreißen! Insgesamt benötigte ich ganze 45 Minuten ich für den 2,5 km langen Abschnitt. Unten an der Verpflegungsstation traf ich Daniel, der oben auf dem Berg eine Wegmarke verpasst hatte und die lebensgefährliche Abkürzung genommen hatte, vor der uns Owen bereits am Vorabend gewarnt hatte. Dementsprechend fertig sah er auch aus.

Der schwerste Abschnitt des Tages lag hinter uns. Nun ging es erst mal 10 Kilometer bergab. Ich fühlte mich gut und drückte auf die Tube! Doch dann passierte es! Ganz plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch meinen hinteren linken Oberschenkel! Ein Schmerz, als hätte mir jemand ein Messer direkt in den Muskel gerammt! Ich hielt sofort an und versuchte eine Weile langsam weiterzugehen. Zwischen mir und dem Ziel lagen noch 20 heiße und staubige Kilometer! 20 Kilometer ohne Verpflegungsstation und den Zugang zu Wasser! Nachdem ich ein paar Kilometer gehend zurückgelegt hatte, zwang ich mich wieder in den Laufschritt zu wechseln. Es tat höllisch weh und es war mehr ein Humpeln als ein Laufen, doch wenn ich den Rest der Strecke gehen würde, dann würde mich das mindestens 4 – 5 weitere Stunden kosten… Ich wusste, es musste ein muskuläres Problem sein, also versuchte ich den Schmerz irgendwie zu ignorieren und konzentrierte mich darauf einen Schritt vor den anderen zu setzten. Kurze Zeit später überholte mich Henrik, der eigentlich schon weit vor mir hätte sein müssen. Wie sich herausstellte, hatte Henrik ebenfalls eine Markierung auf dem Berg übersehen und ist genau wie Daniel versehentlich in die Todesschlucht geraten! Man konnte ihm richtig ansehen, dass er angepisst war und keine Lust mehr hatte!

Henrik und Culli

Bald erreichten wir zusammen einen alten Bekannten, den Oranje. Dieser trennt als Grenzfluss Südafrika von Namibia. Eine ganze Weile liefen wir zusammen am Flussufer entlang. Die Gespräche mit Henrik lenkten mich glücklicherweise etwas von den Schmerzen in meinem Oberschenkel ab. Irgendwann trennten sich dann jedoch unsere Wege, da Henriks Tempo etwas langsamer wurde und ich meinen Trott unbedingt beibehalten wollte. Die Temperatur entwickelte sich langsam von verdammt heiß in Richtung unterträglich! Meine Wasservorräte waren schon seit einiger Zeit aufgebraucht und mein Mund unangenehm trocken. Die restlichen Kilometer zogen sich unfassbar in die Länge. Zu den schmerzen gesellten sich hin und wieder Krämpfe, denn mein Körper war komplett ausgetrocknet. Selten war ich so froh, es überhaupt ins Ziel geschafft zu haben, wie an diesem Tag! Glücklicherweise bekam ich noch einen Termin beim Camp-Physio, der meinen Oberschenkel noch etwas weich kneten konnte. Das tat unglaublich schlimm weh!

Auf die Nase, fertig, los

Etappe 3 – 42,33km; 600hm; 4:50:15

kurz vor dem Start der 3. Etappe

Die gestrige Etappe hinterließ Spuren. Mit einem schmerzenden linken Oberschenkel startete ich die dritte Etappe. Der Untergrund war weich und es ging leicht bergauf. Ich mag diese Art von Untergrund nicht! Ich fiel gleich zu Beginn weit zurück. Scheinbar war ich der Einzige, der mit den Bodenverhältnissen nicht klar kam. Frustration machte sich breit. Im Gegensatz zu meinen Beinen, lief meine Verdauung auf Hochtouren. Das bescherte mir noch ein paar Extrastopps im Busch. Einige Kilometer später folgte das i-Tüpfelchen, welches den Tag abrundete. Auf nassem Untergrund – keine Ahnung wieso hier Wasser war – legte ich mich auf die Nase! Mein Knie blutete und schmerzte. Ein paar Läufer hinter mir hatten das Spektakel beobachtet, weshalb ich direkt wieder aufsprang und mir nichts anmerken ließ! Auf die Frage ob ich mir wehgetan hatte, antworte ich mit einem souveränen NEIN, alles super! Vor mir lagen noch 35 Kilometer und ich hatte die Nase bereits gestrichen voll! Der Untergrund wurde nun langsam fester – Gott sei Dank! Nach 20 Kilometern bergauf sah ich die erste Verpflegungsstaion. Nur kurz die Wasservorräte auffüllen unter weiter ging´s. Von nun an auf einer sandigen Straße. Hier konnte ich nochmal ein paar Läufer einsammeln, die mich zu Beginn überholten. Das tat gut! Die Temperatur kletterte nun in unangenehme Höhen. Trotzdem fand ich so langsam meinen Rhythmus. Es war großartig zur Abwechslung mal eine Straße unter den Füßen zu haben!

Bild: Stephan Wieser

Auch Henrik – der wiedermal Orientierungsprobleme hatte – konnte ich bei Kilometer 36 nochmal einsammeln. Der Rest des Rennens verlief relativ unspektakulär – was auch mal schön war. Nach 4 Stunden und 50 Minuten überquerte ich die Ziellinie und gönnte mir erst mal eine kühle Coke und eine eiskalte Dusche.

Nachmittags überquerten wir dann mit der Fähre den Oranje und wechselten auf die Namibia-Seite. Der Rest des Rennens würde sich jetzt in Namibia abspielen. Eigentlich war der ursprüngliche Plan, innerhalb einer Etappe die Grenze mit kleinen Booten zu überqueren. Leider wurde uns dieser jedoch kurzfristig von der Regierung verweigert, weshalb Renndirektor Owen zwei Etappen umplanen musste.

Kampf mit dem Canyon

Etappe 4 – 46,70km; 658hm; 7:46:22

Wie klein und hilflos wir doch eigentlich sind! Diese Tatsache war mir selten so bewusst, wie an diesem Tag! Fern von asphaltierten Straßen und jubelnden Zuschauern. Keine Verpflegungsstationen mit einem Überangebot an allen möglichen Elektrolytgetränken und Riegeln. Kein Handyempfang um Hilfe zu rufen. Keine Möglichkeit um auszusteigen, wenn man nicht mehr kann. Umgeben von gigantischen Felswänden kämpfte ich mich durch das ausgetrocknete Flussbett des Fishriver Canyons.

Die heutige Etappe war mit über 45 Kilometern und nur einer Verpflegungsstation die härteste des gesamten Rennens. Zu Beginn der Etappe lief es eigentlich richtig gut. Ich war mal wieder mit Henrik unterwegs. Zusammen passierten wir bei Kilometer 10 die einzige Verpflegungsstation des Tages. Danach liefen wir nach einer kleinen Kletterpartie ein ausgetrocknetes Flussbett hinunter, bis wir den Boden des Fishriver Canyons erreichten. Hier trennten sich unsere Wege nach kurzer Zeit, weil ich glaubte eine Abkürzung nehmen zu können. Diese entpuppte sich allerdings nach einigen Kilometern als Sackgasse und ich musste die ganze Strecke wieder zurücklaufen. Dabei verließ mich scheinbar meine Motivation. Alle Zweifel und Ängste, die mit diesem Rennen verbunden waren, waren auf einen Schlag wieder da! War es die richtige Entscheidung nach Namibia zu reisen? Vermutlich wäre ich besser zu Hause geblieben! Was bin ich doch für ein Idiot, mit einer Erkältung hier am Ende der Welt durch die Wüste zu rennen?

Doch urplötzlich wurden meine Selbstzweifel durch ein paar komische Geräusche unterbrochen. Aus der Ferne sah ich etwas seltsames auf mich zukommen. Etwas verdammt schnelles! Mein Herz rutschte mir sowas von in die Hose! Als es immer näher kam, erkannte ich, dass es sich um 3 Volgestrauße handelte! In diesem Moment fielen mir sofort sämtliche Horrorgeschichten ein, die ich jemals über diese Tiere gehört hatte! Ich wusste, dass mit diesen Vögeln auf keinen Fall zu spaßen war! Auch die Tatsache, dass ich mich in einem Canyon befand und keine Möglichkeit hatte auszuweichen, war nicht gerade beruhigend! Gott sei Dank schienen sich die Tiere nicht wirklich für mich zu interessieren und zogen in einem Affenzahn an mir vorbei. Was für ein Schreck!

Bild: Stepahn Wieser

Die Salzkristalle auf meiner Haut glitzerten in der brutalen Mittagssonne. Dieser verdammte Canyon gab sich gerade die größte Mühe mich in die Knie zu zwingen. Heute war nicht mein Tag! Und das ausgerechnet heute! Der ständige Wechsel zwischen Laufen und Gehen machte mich müde. Ich hatte keine Lust mehr! Am liebsten würde ich einfach stehen bleiben und aufgeben, doch das wäre in dieser Situation beim besten Willen keine besonders gute Idee. Der einzige Weg aus diesem Schlamassel führte weitere 23 Kilometer durch diesen unwegsamen Canyon bis ins Ziel. Bei Kilometerzeiten von teilweise 13 Minuten, eine wirklich langwierige und zermürbende Geschichte!

Nach knapp 8 Stunden in diesem einsamen Canyon sah ich in der Ferne endlich den gelben Zielbogen auftauchen. WAS FÜR EIN TAG!

Bild: Stephan Wieser – Zieleinlauf nach fast 8 Stunden.

Was für ein geiler Tag!

Etappe 5 – 25,28km; 787hm; 3:06:24

Nach dem gestrigen Desaster wusste ich an diesem Morgen absolut nicht, wie ich diese letzte Etappe heute bewältigen soll. Es waren zwar nur 25 Kilometer, doch schon der Weg von meinem Zelt zur Feldküche war die reinste Qual. Meine Achillessehne schmerzte und ich konnte diesen verdammten Sand einfach nicht mehr sehen!

Es war nicht gerade das, was ich einen guten Start nennen würde. Wie bereits am Vortag ging es weiter durch diesen unwegsamen Canyon. Weiter durch tiefen Sand… Auch wenn es mir wirklich schwer fiel, versuchte ich mit aller Mühe an der Gruppe dranzubleiben.

Nach 6 Kilometern verließen wir endlich den Canyon. Das war irgendwie ein befreiendes Gefühl, denn so langsam wurde ich mir im Klaren darüber, dass ich es schaffen würde. Ich hatte jeden Tag gezweifelt und darüber nachgedacht ob es richtig ist, was ich hier tue. Ich habe darüber nachgedacht ob es nicht besser wäre auszusteigen. Jeden gottverdammten Tag habe ich darüber nachgedacht! Doch jetzt hatte ich es fast geschafft! Ich werde es schaffen! Trotz all dem Zweifel. Trotz Erkältung!

Bild: Stephan Wieser

Das war ein unglaublich befreiendes und tolles Gefühl. Es fühlte sich so gut an, dass ich auf einmal richtig Lust hatte zu pushen! Als ob jemand gerade meine Handbremse gelöst hatte fühlte ich mich auf einen Schlag leicht und schnell. Also legte ich einen Zahn zu. Nach 4 wirklich harten Tagen – körperlich und psychisch – wollte ich auf einmal noch mal wissen, was möglich gewesen wäre.

Nach kurzer Zeit ließ ich die Anderen hinter mir und machte richtig Tempo. Wenn es wirklich ein Runners High gibt, dann muss es sich genau so wie in diesem Moment anfühlen! Die Kilometer purzelten nur so und schon bald stand ich auf der Spitze des letzten Berges dieses Rennens. Von oben hatte man einen überwältigenden Ausblick. Man konnte sogar das Ziel sehen. Ich blieb kurz stehen und genoss dieses grandiose Gefühl, bevor ich mich auf den wirklich saugefährlichen Downhill begab! Das war mehr ein auf dem Hintern hinunterrutschen, als laufen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Niemals kann man da runter, dachte ich mir, als ich da oben stand! Das war definitiv das Steilste, was ich je gesehen hatte!

Nie war ein Zieleinlauf so befreiend, wie nach diesen 5 Tagen. Ich bin zugegebenermaßen kein besonders emotionaler Typ, doch ich glaube in diesem Moment kullerte mir sogar ein Tränchen die Backe herunter! All der Druck, der sich in den letzten Wochen und Tagen in mir aufgebaut hatte, war in diesem Moment wie weggeblasen!

Bild: Stephan Wieser

Fazit

Würde man mich bitten, Namibia Crossing in einem Wort zusammenzufassen, dann glaube ich würde meine Wahl auf ACHTERBAHNFAHRT fallen. Ja, ich glaube Achterbahnfahrt trifft es auf den Punkt!

So viele Hochs und Tiefs habe ich selten in so kurzer Zeit erlebt! Ach was, sowas habe ich noch nie erlebt! Die Tiefs waren vor allem meiner Erkältung geschuldet, die mich ein paar Tage vor diesem Event heimgesucht hatte. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es die richtige Entscheidung war daran teilzunehmen. Mehrmals täglich! Das hört sich jetzt vielleicht anfangs negativer an als es gemeint ist, denn es gab selbstverständlich auch diese extrem geilen Augenblicke! Und zwar jede Menge! Ganz alleine auf sich gestellt durch diese extreme Wildnis zu laufen. Das ist schon etwas ganz Besonderes, was man nicht alle Tage erlebt. Manchmal war es definitiv auch etwas beklemmend und beängstigend, wenn man feststellt wie klein und hilflos man in der Natur doch eigentlich ist. Aber irgendwie ist es auch wunderschön, diese unglaubliche Kraft der Natur am eigenen Körper spüren zu können. Ich habe in diesen paar Tagen jede Menge interessanter Menschen kennengelernt und auch ein paar Freundschaften geschlossen. Ich habe in dieser Zeit auch viel über mich selbst gelernt, denn wenn man so lange durch die Wüste rennt, dann hat man viel Zeit zum nachdenken! Es ist verblüffend, wozu unser Körper im Stande ist, wenn wir wollen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es extremere Rennen da draußen gibt! Aber ich habe Anfangs nicht daran geglaubt, dass ich es schaffen würde in meiner damaligen Verfassung.

Es gibt diese besonderen Momente im Leben. Momente, die man nie vergisst. Das Namibia Crossing war einer dieser besonderen Momente. An dieses Rennen werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit nochmal zurückdenken, kurz bevor ich, hoffentlich in weit entfernter Zukunft, mal das Zeitliche segnen werde.

Danke

Ein ganz besonderes Dankeschön gilt meinem damaligen Partner Brooks, der mir diese wundervolle Erfahrung erst ermöglicht hat. Danke Lara und Astrid, für diese tolle Zeit!

X