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Eine Achterbahnfahrt durch die Wüste

Dieser Lauf würde anders sein. Anders als alles, was ich bisher kannte. Ich hatte die letzten 6 Monate wirklich hart trainiert für dieses Ereignis und doch fühlte ich mich irgendwie unvorbereitet. Aber wie soll man sich auch vorbereiten auf einen 200-Kilometer langen Lauf, durch eine der ältesten Felswüsten der Erde? Ich hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung was genau da auf mich zukommen würde, aber genau das war das reizvolle daran!

Als ich am Morgen der Abreise aufwachte war ich geschockt! Das konnte doch jetzt einfach nicht wahr sein! Mein Kopf brummte wie verrückt und meine Nase war verstopft. Kurz gesagt, ich fühlte mich absolut beschissen! Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren? Konnte mein Körper nicht einfach noch 2 Wochen damit warten?

Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Würde ich jetzt auf meine Vernunft hören, dann dürfte ich nicht in den Zug zum Flughafen steigen. Vernünftig wäre es wohl, sich in eine Decke einzuhüllen und Pfefferminztee zu trinken. Doch mir war klar, dass ich zu Hause jede Sekunde darüber nachdenken würde, welches unvergessliche Abenteuer mir da gerade durch die Lappen ginge. Ganz zu schweigen davon, wie ich mich fühlen würde, wenn es mir morgen plötzlich besser gehen würde.

Also stieg ich in den Zug. Allerdings war ich vorher noch schnell bei meinem Arzt und habe mir ein Okay geholt. Generell rate ich jedem dringend davon ab sich sportlich zu betätigen, wenn man sich gesundheitlich nicht gut fühlt!

Am Flughafen traf ich mich mit Astrid von Brooks, Henning dem Runners World Redakteur und Stephan unserem Fotografen, mit denen ich bereits im November für ein Fotoshooting nach Namibia gereist war. Ebenfalls mit von der Partie waren Henrik und Sandra, die die Startpläzte über ein Gewinnspiel gewonnen hatten.

Zwischen uns und unserem ersten Ziel in Oranjemund lag eine insgesamt 24-stündige Anreise. Dieser Stopp war ursprünglich nicht geplant, doch aufgrund einer Flug-Stornierung mussten wir einen Tag früher anreisen. Im Grunde gar keine schlechte Sache, denn so hatten wir einen Tag mehr um uns an die Gegebenheiten vor Ort anpassen zu können.

Bild: Stephan Wieser

In Namibia war es gerade Winter und eigentlich sollten sich die Temperaturen zwischen 20 und 25 Grand bewegen. Doch eine Hitzeperiode ließ uns regelrecht dahinschmelzen. Das war mit meiner Erkältung – an der sich seit gestern leider nichts gebessert hatte – nochmal deutlich unangenehmer, als es sowieso schon war!

Nachdem wir uns ein wenig von unserer langen Reise erholt hatten, nutzten wir die Gelegenheit noch für einen letzten kleinen Shakeoutrun. Dabei musste ich feststellen – welch Überraschung – dass mein Körper nicht zu 100% fit war. Es fühlte sich nicht unbedingt super schlecht an, aber auch nicht besonders gut! Gott sei Dank war der Start erst in zwei Tagen. Vielleicht würde ich mich bis dahin ja noch etwas erholen.

The Day before

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Camp. Die vergangene Nacht war die Letzte in einem richtigen Bett.

Nach einer 1,5 stündigen Fahrt überquerten wir mit einer Fähre den Fluss Oranje, welcher Namibia von Südafrika trennt. Auf der südafrikanischen Seite trafen wir Owen, den Veranstalter des Rennens und Marion, die für das leibliche Wohl der 32 Teilnehmer zuständig war. Beide hatten wir schon im November letzten Jahres auf unserer ersten Reise kennen gelernt. Ich kann mich noch genau an die ersten Worte von Marion im letzen Jahr erinnern: “I´m our Mama for the next days”! Marion war der Hammer! Was sie mitten im Nirgendwo aus ihrer kleinen Feldküche zauberte, ließ absolut keine Wünsche offen. Ich freute mich schon richtig auf die Verpflegung in den nächsten Tagen!

Als wir unser erstes Camp erreichten, standen unsere Zelte bereits fertig aufgebaut in zwei sauberen Reihen auf einer grünen Wiese. Wohlgemerkt die letzte grüne Wiese für die nächsten Tage. An den Zelten hingen Anhänger auf denen unsere Startnummern standen. Jeder Teilnehmer hatte sein eigenes Zelt, welches mit einem kleinen Feldbett ausgestattet war. Bei unserer Ankunft haben wir große orangene Taschen bekommen, in die wir nun unser Zeug packen mussten, welches wir für die nächsten 5 Tage benötigten. Diese würden dann in der Zeit in der wir rennen, zu unserem nächsten Camp transportiert werden.

Bild: Stepahn Wieser

Am Abend vor dem Start gab es noch einige Vorträge über den Ablauf des Rennens und den ǀAi-ǀAis Richtersveld Transfrontier Park. Dieser beinhaltet den zweitgrößten Canyon der Welt – den Fishriver Canyon. Auch wenn man es im ersten Augenblick nicht glauben mag, so gehört die Flora dieses Parks zu einer der artenreichsten unseres Planeten. Pro Quadratkilometer ist die Pflanzenvielfalt ähnlich groß wie die des Amazonas!

LET THE PARTY BEGIN

Etappe 1 – 34,98 km; 715 HM; 3:50:17

Die erste Nacht im Zelt fühlte sich erstaunlich gut an. Entgegen meinen Erwartungen habe ich echt gut geschlafen auf meinem kleinen Feldbett! Ich fühlte mich zwar nicht als könnte ich Bäume ausreißen, aber es ging mir etwas besser als gestern. Nachdem ich meinen Schlafsack wieder in die viel zu kleine Tasche gequetscht hatte und meine Laufweste mit 1,8 Litern Elektrolytgetränk und 4 Energy-Gels befüllt hatte, wurde es so langsam ernst. Ich gab meine Sachen, welche ich glaubte für die Nächsten 5 Tage zu benötigen, beim Bus ab und machte mich auf den Weg zum Frühstücksbuffet. Normalerweise bin ich kein guter Frühstücker, aber da ich gleich 40 Kilometer durch die Wüste rennen würde, zwängte ich immerhin zwei Erdnussbutter Toasts in mich hinein.

Mit dem Bus wurden wir zu unserem 30 Minuten entfernten Startpunkt chauffiert. Aus dem Fenster konnten wir dabei zusehen, wie die Morgensonne langsam aufstieg und die Wüste in Licht tauchte.

Das Teilnehmerfeld war mit 32 Läufern und Läuferinnen sehr überschaubar. Die obligatorischen Überlegungen, wer schneller oder langsamer als ich sein würde, sparte ich mir heute. Mein Ziel war es den Lauf einfach nur irgendwie zu überleben! Damit wäre ich schon sehr zufrieden.

3 2 1 Go Go Go

Es war noch angenehm kühl als der Startschuss der ersten Etappe um 07:30 fiel. Im Gegensatz zu fast allen anderen war ich an diesem Morgen noch mit Jacke unterwegs, denn das letzte was ich gebrauchen konnte, war meine Erkältung noch zu verschlimmern. Henning und Henrik setzten sich gleich zu Beginn des Rennens deutlich ab. Ich versuchte erst gar nicht mitzuhalten und positionierte mich in einem für mich gemütlichem Tempo in der Verfolgergruppe. Die Route führte anfangs über eine sandige Schotterpiste, die wir jedoch relativ schnell wieder verließen um auf einen Trampelpfad auszuweichen. Dieser windete sich den ersten Berg des Tages hinauf.Vernünftig wie ich eben bin, zog ich es erst gar nicht in Erwägung den steinigen Trail hinaufzurennen, sondern wechselte gleich ins Gehtempo. Hier wurde ich auch gleich von einigen Läufern und Läuferinnen überholt, doch das juckte mich nicht weiter. Mir fehlte einfach die Kraft, das machte sich vor allem bergauf bemerkbar.. Schon bald führte mich der GPS Track auf meiner Garmin runter von dem Trail und es ging Querfeldein weiter. Im Slalom lief ich durch das Gestrüpp, über den staubigen roten Untergrund, immer hochkonzentriert um nicht auf einem der vielen Steine schon zu Beginn des Rennens umzuknicken. In der Ferne, mitten im Nirgendwo, Standen 2 Leute mit einem Fahrzeug, die mir zuwinkten. Das müsste der erste Checkpoint sein. An diesen Checkpoints musste man seine Landkarte vorzeigen, die zur Plfichtausrüstung gehört. Auf dieser waren 5 Kontrollkästchen, welche an jedem Checkpoint abgehakt werden mussten.

Während des nächsten Downhills konnte ich die Anderen, die mich am ersten Berg überholt hatten, wieder einholen. Zusammen bogen wir in ein ausgetrocknetes Flussbett ein, welches einen Großteil der heutigen Etappe ausmachen würde. Im Flussbett selbst war es gar nicht so einfach zu laufen. Entweder war der Boden sehr weich und man kam nur langsam voran, oder man musste höllisch aufpassen, dass man auf den vom Wasser rundgeschliffenen Steinen nicht umknickt. Deshalb war es cleverer, neben dem Flussbett zu laufen, wo alles etwas “fester” war. Hier gab es viele “game trails” also Pfade die von den einheimischen Tieren, wie Leoparden, Bergzebras etc. genutzt wurden. Darauf ließ es sich deutlich angenehmer laufen. Nach ca. 17,5 Kilometern erreichten wir die Erste und Einzige Verpflegungsstation auf der Strecke. Die Verpflegungsstationen boten das Nötigste um die Vorräte wieder aufzufüllen. Gummibärchen, Trockenfrüchte, Cola, Iso und Wasser. Während die Anderen aus meiner Gruppe noch etwas an der Station verweilten, machte ich mich zügig auf die Weiterreise. Bis auf einen Geröllberg, den ich, wie ich später erfuhr, auch einfach hätte umlaufen können, ging es nun etwas einfacher weiter. Der GPS Track führte über eine weite, trockene und surreale Landschaft. Ich kam mir fast vor wie ein Astronaut auf einem anderen Planeten (nur ohne Raumanzug halt ;)! 10 Kilometer vor dem Ziel wurden die Beine dann auch so langsam schwerer. Die Hitze, die Erkältung und die ungewohnte Umgebung trugen sicher ihren Teil dazu bei. Kurz vor dem Ziel sah ich Henning und Stephan in der Wüste stehen:

“Culli, du bist Zweiter!” riefen sie mir zu!

Ich hätte jetzt so ziemlich mit allem gerechnet, aber damit nicht. Henrik war scheinbar noch nicht so ganz vertraut mit seinem GPS Gerät und musste deshalb ein paar unfreiwillige Extrakilometer drehen. Henning die Rakete hatte mit einem 45 minütigen Vorsprung Alles und Jeden in den Schatten gestellt und schien schon jetzt unbesiegbar. Ich überquerte die Ziellinie nach 3 Stunden, 38 Minuten, 35 Kilometern und 715 Höhenmetern. Für mich war das ein toller Erfolg! Von einfach nur durchkommen auf den zweiten Platz, das konnte sich sehen lassen! So dürfte es die nächsten Tage weitergehen!

Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt

Etappe 2 – 39,41km; 775hm; 5:09:10

Am nächsten Morgen lief es erst genauso gut weiter. Die anfangs noch müden Beine wurden von Kilometer zu Kilometer besser. Zu viert ging es gemeinsam über die endlosen Weiten der Springbock Flat. Nach 15 gut laufbaren Kilometern erreichten wir den Fuß des Tatasberg, welchen wir in der heutigen Etappe einmal überqueren mussten. Der Berg sah aus wie ein überdimensionaler Geröllhaufen, der aus hausgroßen, runden Felsbrocken bestand. Der Aufstieg war sehr beschwerlich. Man musste sich durch enge Spalten quetschen, von Stein zu Stein springen und sich teilweise auf allen vieren fortbewegen. Überall lauerten scharfe Kanten, an denen man sich wenn man nicht aufmerksam war, ganz schnell Arme und Beine aufritzen konnte! Ich kam mir verdammt klein vor in diesem riesigem Steinlabyrinth. Teilweise mussten Steigungen von bis zu 40% überwunden werden!

Bild: Mark Sampson

Doch die Mühe blieb nicht unbelohnt. Oben auf der Spitze bot sich ein spektakulärer Ausblick über den Nationalpark. Allzu lange wollte ich allerdings nicht innehalten, denn bergauf konnte ich nicht mit Daniel und Silvie mithalten und ich wollte den Abstand nicht zu groß werden lassen. Bergab musste man verdammt gut aufpassen, um nicht auf den spitzen und losen Steinen hinzufliegen. Das würde einem im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern aufreißen! Insgesamt benötigte ich ganze 45 Minuten ich für den 2,5 km langen Abschnitt. Unten an der Verpflegungsstation traf ich Daniel, der oben auf dem Berg eine Wegmarke verpasst hatte und die lebensgefährliche Abkürzung genommen hatte, vor der uns Owen bereits am Vorabend gewarnt hatte. Dementsprechend fertig sah er auch aus.

Der schwerste Abschnitt des Tages lag hinter uns. Nun ging es erst mal 10 Kilometer bergab. Ich fühlte mich gut und drückte auf die Tube! Doch dann passierte es! Ganz plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch meinen hinteren linken Oberschenkel! Ein Schmerz, als hätte mir jemand ein Messer direkt in den Muskel gerammt! Ich hielt sofort an und versuchte eine Weile langsam weiterzugehen. Zwischen mir und dem Ziel lagen noch 20 heiße und staubige Kilometer! 20 Kilometer ohne Verpflegungsstation und den Zugang zu Wasser! Nachdem ich ein paar Kilometer gehend zurückgelegt hatte, zwang ich mich wieder in den Laufschritt zu wechseln. Es tat höllisch weh und es war mehr ein Humpeln als ein Laufen, doch wenn ich den Rest der Strecke gehen würde, dann würde mich das mindestens 4 – 5 weitere Stunden kosten… Ich wusste, es musste ein muskuläres Problem sein, also versuchte ich den Schmerz irgendwie zu ignorieren und konzentrierte mich darauf einen Schritt vor den anderen zu setzten. Kurze Zeit später überholte mich Henrik, der eigentlich schon weit vor mir hätte sein müssen. Wie sich herausstellte, hatte Henrik ebenfalls eine Markierung auf dem Berg übersehen und ist genau wie Daniel versehentlich in die Todesschlucht geraten! Man konnte ihm richtig ansehen, dass er angepisst war und keine Lust mehr hatte!

Henrik und Culli

Bald erreichten wir zusammen einen alten Bekannten, den Oranje. Dieser trennt als Grenzfluss Südafrika von Namibia. Eine ganze Weile liefen wir zusammen am Flussufer entlang. Die Gespräche mit Henrik lenkten mich glücklicherweise etwas von den Schmerzen in meinem Oberschenkel ab. Irgendwann trennten sich dann jedoch unsere Wege, da Henriks Tempo etwas langsamer wurde und ich meinen Trott unbedingt beibehalten wollte. Die Temperatur entwickelte sich langsam von verdammt heiß in Richtung unterträglich! Meine Wasservorräte waren schon seit einiger Zeit aufgebraucht und mein Mund unangenehm trocken. Die restlichen Kilometer zogen sich unfassbar in die Länge. Zu den schmerzen gesellten sich hin und wieder Krämpfe, denn mein Körper war komplett ausgetrocknet. Selten war ich so froh, es überhaupt ins Ziel geschafft zu haben, wie an diesem Tag! Glücklicherweise bekam ich noch einen Termin beim Camp-Physio, der meinen Oberschenkel noch etwas weich kneten konnte. Das tat unglaublich schlimm weh!

Auf die Nase, fertig, los

Etappe 3 – 42,33km; 600hm; 4:50:15

kurz vor dem Start der 3. Etappe

Die gestrige Etappe hinterließ Spuren. Mit einem schmerzenden linken Oberschenkel startete ich die dritte Etappe. Der Untergrund war weich und es ging leicht bergauf. Ich mag diese Art von Untergrund nicht! Ich fiel gleich zu Beginn weit zurück. Scheinbar war ich der Einzige, der mit den Bodenverhältnissen nicht klar kam. Frustration machte sich breit. Im Gegensatz zu meinen Beinen, lief meine Verdauung auf Hochtouren. Das bescherte mir noch ein paar Extrastopps im Busch. Einige Kilometer später folgte das i-Tüpfelchen, welches den Tag abrundete. Auf nassem Untergrund – keine Ahnung wieso hier Wasser war – legte ich mich auf die Nase! Mein Knie blutete und schmerzte. Ein paar Läufer hinter mir hatten das Spektakel beobachtet, weshalb ich direkt wieder aufsprang und mir nichts anmerken ließ! Auf die Frage ob ich mir wehgetan hatte, antworte ich mit einem souveränen NEIN, alles super! Vor mir lagen noch 35 Kilometer und ich hatte die Nase bereits gestrichen voll! Der Untergrund wurde nun langsam fester – Gott sei Dank! Nach 20 Kilometern bergauf sah ich die erste Verpflegungsstaion. Nur kurz die Wasservorräte auffüllen unter weiter ging´s. Von nun an auf einer sandigen Straße. Hier konnte ich nochmal ein paar Läufer einsammeln, die mich zu Beginn überholten. Das tat gut! Die Temperatur kletterte nun in unangenehme Höhen. Trotzdem fand ich so langsam meinen Rhythmus. Es war großartig zur Abwechslung mal eine Straße unter den Füßen zu haben!

Bild: Stephan Wieser

Auch Henrik – der wiedermal Orientierungsprobleme hatte – konnte ich bei Kilometer 36 nochmal einsammeln. Der Rest des Rennens verlief relativ unspektakulär – was auch mal schön war. Nach 4 Stunden und 50 Minuten überquerte ich die Ziellinie und gönnte mir erst mal eine kühle Coke und eine eiskalte Dusche.

Nachmittags überquerten wir dann mit der Fähre den Oranje und wechselten auf die Namibia-Seite. Der Rest des Rennens würde sich jetzt in Namibia abspielen. Eigentlich war der ursprüngliche Plan, innerhalb einer Etappe die Grenze mit kleinen Booten zu überqueren. Leider wurde uns dieser jedoch kurzfristig von der Regierung verweigert, weshalb Renndirektor Owen zwei Etappen umplanen musste.

Kampf mit dem Canyon

Etappe 4 – 46,70km; 658hm; 7:46:22

Wie klein und hilflos wir doch eigentlich sind! Diese Tatsache war mir selten so bewusst, wie an diesem Tag! Fern von asphaltierten Straßen und jubelnden Zuschauern. Keine Verpflegungsstationen mit einem Überangebot an allen möglichen Elektrolytgetränken und Riegeln. Kein Handyempfang um Hilfe zu rufen. Keine Möglichkeit um auszusteigen, wenn man nicht mehr kann. Umgeben von gigantischen Felswänden kämpfte ich mich durch das ausgetrocknete Flussbett des Fishriver Canyons.

Die heutige Etappe war mit über 45 Kilometern und nur einer Verpflegungsstation die härteste des gesamten Rennens. Zu Beginn der Etappe lief es eigentlich richtig gut. Ich war mal wieder mit Henrik unterwegs. Zusammen passierten wir bei Kilometer 10 die einzige Verpflegungsstation des Tages. Danach liefen wir nach einer kleinen Kletterpartie ein ausgetrocknetes Flussbett hinunter, bis wir den Boden des Fishriver Canyons erreichten. Hier trennten sich unsere Wege nach kurzer Zeit, weil ich glaubte eine Abkürzung nehmen zu können. Diese entpuppte sich allerdings nach einigen Kilometern als Sackgasse und ich musste die ganze Strecke wieder zurücklaufen. Dabei verließ mich scheinbar meine Motivation. Alle Zweifel und Ängste, die mit diesem Rennen verbunden waren, waren auf einen Schlag wieder da! War es die richtige Entscheidung nach Namibia zu reisen? Vermutlich wäre ich besser zu Hause geblieben! Was bin ich doch für ein Idiot, mit einer Erkältung hier am Ende der Welt durch die Wüste zu rennen?

Doch urplötzlich wurden meine Selbstzweifel durch ein paar komische Geräusche unterbrochen. Aus der Ferne sah ich etwas seltsames auf mich zukommen. Etwas verdammt schnelles! Mein Herz rutschte mir sowas von in die Hose! Als es immer näher kam, erkannte ich, dass es sich um 3 Volgestrauße handelte! In diesem Moment fielen mir sofort sämtliche Horrorgeschichten ein, die ich jemals über diese Tiere gehört hatte! Ich wusste, dass mit diesen Vögeln auf keinen Fall zu spaßen war! Auch die Tatsache, dass ich mich in einem Canyon befand und keine Möglichkeit hatte auszuweichen, war nicht gerade beruhigend! Gott sei Dank schienen sich die Tiere nicht wirklich für mich zu interessieren und zogen in einem Affenzahn an mir vorbei. Was für ein Schreck!

Bild: Stepahn Wieser

Die Salzkristalle auf meiner Haut glitzerten in der brutalen Mittagssonne. Dieser verdammte Canyon gab sich gerade die größte Mühe mich in die Knie zu zwingen. Heute war nicht mein Tag! Und das ausgerechnet heute! Der ständige Wechsel zwischen Laufen und Gehen machte mich müde. Ich hatte keine Lust mehr! Am liebsten würde ich einfach stehen bleiben und aufgeben, doch das wäre in dieser Situation beim besten Willen keine besonders gute Idee. Der einzige Weg aus diesem Schlamassel führte weitere 23 Kilometer durch diesen unwegsamen Canyon bis ins Ziel. Bei Kilometerzeiten von teilweise 13 Minuten, eine wirklich langwierige und zermürbende Geschichte!

Nach knapp 8 Stunden in diesem einsamen Canyon sah ich in der Ferne endlich den gelben Zielbogen auftauchen. WAS FÜR EIN TAG!

Bild: Stephan Wieser – Zieleinlauf nach fast 8 Stunden.

Was für ein geiler Tag!

Etappe 5 – 25,28km; 787hm; 3:06:24

Nach dem gestrigen Desaster wusste ich an diesem Morgen absolut nicht, wie ich diese letzte Etappe heute bewältigen soll. Es waren zwar nur 25 Kilometer, doch schon der Weg von meinem Zelt zur Feldküche war die reinste Qual. Meine Achillessehne schmerzte und ich konnte diesen verdammten Sand einfach nicht mehr sehen!

Es war nicht gerade das, was ich einen guten Start nennen würde. Wie bereits am Vortag ging es weiter durch diesen unwegsamen Canyon. Weiter durch tiefen Sand… Auch wenn es mir wirklich schwer fiel, versuchte ich mit aller Mühe an der Gruppe dranzubleiben.

Nach 6 Kilometern verließen wir endlich den Canyon. Das war irgendwie ein befreiendes Gefühl, denn so langsam wurde ich mir im Klaren darüber, dass ich es schaffen würde. Ich hatte jeden Tag gezweifelt und darüber nachgedacht ob es richtig ist, was ich hier tue. Ich habe darüber nachgedacht ob es nicht besser wäre auszusteigen. Jeden gottverdammten Tag habe ich darüber nachgedacht! Doch jetzt hatte ich es fast geschafft! Ich werde es schaffen! Trotz all dem Zweifel. Trotz Erkältung!

Bild: Stephan Wieser

Das war ein unglaublich befreiendes und tolles Gefühl. Es fühlte sich so gut an, dass ich auf einmal richtig Lust hatte zu pushen! Als ob jemand gerade meine Handbremse gelöst hatte fühlte ich mich auf einen Schlag leicht und schnell. Also legte ich einen Zahn zu. Nach 4 wirklich harten Tagen – körperlich und psychisch – wollte ich auf einmal noch mal wissen, was möglich gewesen wäre.

Nach kurzer Zeit ließ ich die Anderen hinter mir und machte richtig Tempo. Wenn es wirklich ein Runners High gibt, dann muss es sich genau so wie in diesem Moment anfühlen! Die Kilometer purzelten nur so und schon bald stand ich auf der Spitze des letzten Berges dieses Rennens. Von oben hatte man einen überwältigenden Ausblick. Man konnte sogar das Ziel sehen. Ich blieb kurz stehen und genoss dieses grandiose Gefühl, bevor ich mich auf den wirklich saugefährlichen Downhill begab! Das war mehr ein auf dem Hintern hinunterrutschen, als laufen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Niemals kann man da runter, dachte ich mir, als ich da oben stand! Das war definitiv das Steilste, was ich je gesehen hatte!

Nie war ein Zieleinlauf so befreiend, wie nach diesen 5 Tagen. Ich bin zugegebenermaßen kein besonders emotionaler Typ, doch ich glaube in diesem Moment kullerte mir sogar ein Tränchen die Backe herunter! All der Druck, der sich in den letzten Wochen und Tagen in mir aufgebaut hatte, war in diesem Moment wie weggeblasen!

Bild: Stephan Wieser

Fazit

Würde man mich bitten, Namibia Crossing in einem Wort zusammenzufassen, dann glaube ich würde meine Wahl auf ACHTERBAHNFAHRT fallen. Ja, ich glaube Achterbahnfahrt trifft es auf den Punkt!

So viele Hochs und Tiefs habe ich selten in so kurzer Zeit erlebt! Ach was, sowas habe ich noch nie erlebt! Die Tiefs waren vor allem meiner Erkältung geschuldet, die mich ein paar Tage vor diesem Event heimgesucht hatte. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es die richtige Entscheidung war daran teilzunehmen. Mehrmals täglich! Das hört sich jetzt vielleicht anfangs negativer an als es gemeint ist, denn es gab selbstverständlich auch diese extrem geilen Augenblicke! Und zwar jede Menge! Ganz alleine auf sich gestellt durch diese extreme Wildnis zu laufen. Das ist schon etwas ganz Besonderes, was man nicht alle Tage erlebt. Manchmal war es definitiv auch etwas beklemmend und beängstigend, wenn man feststellt wie klein und hilflos man in der Natur doch eigentlich ist. Aber irgendwie ist es auch wunderschön, diese unglaubliche Kraft der Natur am eigenen Körper spüren zu können. Ich habe in diesen paar Tagen jede Menge interessanter Menschen kennengelernt und auch ein paar Freundschaften geschlossen. Ich habe in dieser Zeit auch viel über mich selbst gelernt, denn wenn man so lange durch die Wüste rennt, dann hat man viel Zeit zum nachdenken! Es ist verblüffend, wozu unser Körper im Stande ist, wenn wir wollen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es extremere Rennen da draußen gibt! Aber ich habe Anfangs nicht daran geglaubt, dass ich es schaffen würde in meiner damaligen Verfassung.

Es gibt diese besonderen Momente im Leben. Momente, die man nie vergisst. Das Namibia Crossing war einer dieser besonderen Momente. An dieses Rennen werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit nochmal zurückdenken, kurz bevor ich, hoffentlich in weit entfernter Zukunft, mal das Zeitliche segnen werde.

Danke

Ein ganz besonderes Dankeschön gilt meinem damaligen Partner Brooks, der mir diese wundervolle Erfahrung erst ermöglicht hat. Danke Lara und Astrid, für diese tolle Zeit!

Langsam legt sich die Dunkelheit und mein Sichtfeld wächst über den Lichtkegel der Stirnlampe hinaus. 80 Kilometer habe ich bereits hinter mir gelassen, weitere 20 liegen noch vor mir. Eigentlich ein Klacks, doch mit jedem Schritt jagen Schmerzen durch meinen ganzen Körper, die mit Worten nur noch schwer zu beschreiben sind. Wie schön wäre es jetzt einfach stehen zu bleiben, doch ans Aufgeben verschwende ich noch keine Gedanken. Noch nicht. Soviel steht jedoch fest, heute Nacht wird meine Willenskraft auf ihre bisher größte Probe gestellt.


Schon seit einigen Stunden liege ich wach im Bett. Die Aufregung ist zu groß um nochmal einzuschlafen. Die Ungewissheit über die bevorstehende Nacht  lässt mir keine Ruhe.  Fast schon erleichtert steige ich aus dem Bett, als der Wecker um 9:00 Uhr endlich klingelt.

Mein Tagesablauf ist bis in kleinste Detail minutengenau geplant. Der erste Punkt, den ich sogleich in Angriff nehme, ist das Frühstück. Damit werden die über Nacht geleerten Glykogenspeicher in der Leber wieder aufgefüllt, zu späterer Stunde werde ich jedes einzelne Kohlenhydrat benötigen.  Wie an Wettkampftagen üblich setze ich auf den altbewährten Haferbrei, für Experimente ist heute kein Platz.  Auf die geliebte Tasse Kaffee muss ich jedoch verzichten, denn ich bin schon seit einer Woche auf Koffeinentzug. So lässt sich die aufmunternde Wirkung von Koffein wieder herstellen, wenn man so wie ich ein Kaffeejunkie ist und sich bereits eine gewisse Immunität entwickelt hat.

Die Tageszeitung lege ich ungelesen beiseite, dafür ist keine Zeit. Erneut gehe ich bereits zum Xten Mal meine Checkliste durch, bevor ich die Ausrüstung in meiner Tasche verschwinden lasse. Sicher ist sicher…Ausrüstung

Fast zeitgleich mit der Ankunft von Thomas schließe ich den Reisverschluss meiner Sporttasche,  die anschließend im Kofferraum verschwindet.  Geduldig warten wir jetzt noch auf die letzten Reisebegleiter. Die backen derweil noch munter im Backofen vor sich hin, denn ihre Bräune lässt noch etwas zu wünschen übrig.  Nachdem ich mir beim Herausnehmen der Laugenstangen meine Finger am Backblech verbrannt habe, kann es endlich losgehen.

Gehorsam folgt Thomas den Befehlen des Navigationssystems, das uns durch die abgelegensten Ecken Frankreichs leitet. Vielleicht war es keine so gute Idee bei der Routenwahl „kürzeste Route“ zu wählen…  Es rollt überhaupt nicht, eine Baustelle jagt die nächste und wenn mal keine Baustelle in der Nähe ist, behindern LKWs oder Traktoren den Verkehr. Zum Glück ist für den Hunger vorgesorgt,  denn wir sind bis auf die Zähne mit allerlei Leckereien bewaffnet. Ich beschränke mich jedoch auf Laugenstangen und Kekse, die BiFis und Apfeltaschen die mir Thomas anbietet, lehne ich mit Rücksicht auf meine nervöse Verdauung dankend ab. Gerade rechtzeitig, bevor unsere Nahrungsmittelvorräte zu Neige gehen, erreichen wir Biel. Zwar zwei Stunden später als geplant, doch immer noch früh genug. Trotz Verspätung finden wir prompt einen freien Parkplatz in Startnähe, einer der Letzten, wohlgemerkt.

Ohne zu trödeln machen wir uns auf den Weg zum Kongresshaus um unsere Startnummern abzuholen. Alles funktioniert schnell und reibungslos. Uns bleibt noch ausreichend Zeit um die verschiedenen Stände diverser Sportartikelhersteller zu begutachten,  bevor ich mich um neun Uhr vorerst von Thomas verabschieden muss. Leider dürfen die Radbegleiter beim Start nicht dabei sein, vermutlich wäre das Gedränge dann zu groß. Erst bei km 22 wird Thomas in das Rennen einsteigen.

Bis zum Start ruhe ich mich noch etwas in Startnähe aus. Langsam spüre ich, wie mich die Müdigkeit einholt. Dabei stelle ich mit Erschrecken fest, dass  die Koffeintabletten, die mir vor dem Start noch eine Portion Energie verschaffen sollten, noch im Auto liegen.  Den Schlüssel hat Thomas, der mittlerweile bereits  über alle Berge ist. Eine Woche Kaffeeverzicht für die Katz….

Um halb Zehn versammeln wir Läufer uns hinter der Startlinie. Ich bin aufgeregt und etwas ängstlich zugleich. Werde ich die Nacht besiegen?  War der Anreisetag  vielleicht etwas zu viel für mich? Ich habe keine Ahnung. Das Warten im Startblock kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Endlich, die letzte Minute des Countdowns ist angebrochen.

Kawumm! Mir scheint als wäre nicht nur die Distanz riesig, sondern auch die Startpistole. Ein lauter Knall eröffnet die Jagd, die erst am nächsten Morgen ihr Ende finden wird. Begleitet von dem Song „Tage wie diese“ von den Toten Hosen laufen wir in die Nacht hinein. Die ersten Kilometer führen uns durch die Straßen von Biel. Der Straßenrand ist übersäht von Zuschauern, die uns mit ihren Jubelschreien Mut machen. Trotz dem ganzen Spektakel fühle ich mich müde und schlaff. Mein Puls ist höher als gewohnt bei diesem Tempo. Schweißperlen laufen mir durchs Gesicht, es ist sehr warm und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Was für ein Start…

6 Kilometer sind geschafft, da kommt auch schon der erste Anstieg. 85 Höhenmeter, verteilt auf 2,5 km, stehen mir bevor.  Bewusst schalte ich einen Gang zurück um meine Muskeln nicht schon in diesem frühen Stadium müde zu machen.

Meine Ernährungsstrategie geht anfangs nicht ganz auf, denn ohne Flüssigkeit kann ich keine Energiegels aufnehmen. Ohne Thomas muss sich meine Kalorienzufuhr auf diesem ersten Teil also auf die Verpflegungsstationen beschränken.

Als ich den Ort Lyss erreiche, laufe ich bereits knappe zwei Stunden durch die schwüle Juninacht. Dies ist ein wichtiger Ort, denn hier treffen (hoffentlich) die Läufer auf ihre Radbegleiter.  Etwas verdutzt nehme ich das Chaos wahr, das sich links und rechts von mir abspielt. Hunderte von Zuschauer machen die Nacht zum Tag, dazwischen befinden sich immer wieder einzelne Radbegleiter, die auf ihre Läufer warten. Nervös reduziere ich das Tempo und scanne den Streckenrand nach Thomas ab, der eigentlich erst in 10 Minuten mit meiner Ankunft rechnet. In diesem Chaos jemanden zu finden ist so gut wie unmöglich. Muss ich die 100 Kilometer womöglich alleine bewältigen?  Ich gerate etwas in Panik, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Als ich fast am Ende des ganzen Tumults angekommen bin, entdecke ich Thomas, der dem Chaos etwas entflohen ist.

Von nun an geht es vorerst zu zweit weiter. Die anfängliche Müdigkeit ist überwunden und das ganz ohne Koffein. Ich fühle mich gut und renne fast schon etwas euphorisch durch die fast mondlose Nacht. Alle 25 Minuten nehme ich ein GU Roctane Energy Gel zu mir, dicht gefolgt von einem kräftigen Schluck Elektrolytegetränk. Ich bin froh jemanden wie Thomas an meiner Seite zu haben, dessen vollgepackter Rucksack so manche Verpflegungsstation in den Schatten stellen würde. Wir quatschen über alles mögliche während wir Kilometer für Kilometer hinter uns lassen. Von Langeweile ist keine Spur, vertieft in Männergespräche vergeht die Zeit wie im Flug.Biel 100 km Nacht

Mit jedem Läufer an dem wir vorbei ziehen, steigt meine Motivation. In den Dörfern die wir unterwegs passieren, haben sich trotz der späten Stunde Zuschauer versammelt, um uns Läufer mit Applaus zu unterstützen.

Problemlos passieren wir Kilometer 50 und nehmen die zweite Hälfte in Angriff. Bis jetzt läuft es sehr gut, mein Tempo ist deutlich höher als geplant, hoffentlich halte ich das durch. Es dauert nicht lange, da melden sich auch zum ersten Mal meine Beine. Es sind keine besonders schlimme Schmerzen, doch ich fürchte, dass sich dies noch ändern wird. Ich beginne damit, die vor mir liegende Distanz in kleine Häppchen aufzuteilen: Noch ein paar Kilometer bis zum Ho-Chi-Minh-Pfad, danach sind es „nur noch“ 33 Kilometer, die schaffe ich dann auch noch irgendwie.

Bei Kilometer 56 verabschiede ich mich noch ein letztes Mal von Thomas, der bis Kilometer 67 einen Umweg nehmen muss. Dieser Abschnitt ist technisch etwas anspruchsvoller und deshalb für Radfahrer tabu.

Es ist immer noch stockdunkel als ich auf dem schmalen Pfad in das Waldstück einbiege. Von einem auf den anderen Moment herrscht absolute Stille. Keine grölenden Zuschauer weit und breit. Abseits von beleuchteten Straßen und Verpflegungsstationen folge ich mit nach unten gerichtetem Blick dem Pfad. Unterbrochen wird diese Dunkelheit nur durch kleine Markierungsleuchten, die in regelmäßigen Abständen signalisieren, dass ich noch richtig bin. Irgendwie fühle ich mich gut in diesem Augenblick und steigere mein Tempo. Vielleicht geht es auch einfach nur leicht bergab, was ich in der Dunkelheit jedoch nicht erkennen kann. Immer wieder tauchen in der Ferne die tanzenden Lichter anderer Läufer auf, die ich meist kurze Zeit später hinter mir lasse.

Verwundert laufe ich an den Radbegleitern vorbei, die bei km 67 warten. Ich habe gar nicht registriert, dass ich bereits 12 km zurückgelegt habe.  Stolz erzähle ich Thomas, der über meine frühe Ankunft sichtlich überrascht ist, von den vielen Läufern die ich auf diesem Teilstück hinter mir gelassen habe.

Kurze Zeit später erhalte ich dafür auch prompt die Quittung. Von einem auf den anderen Moment fühle ich mich wie erschlagen. Die Schmerzen in meinen Beinen lassen sich nicht mehr einfach ignorieren. Mein ungezügelter Wortschwall, der auf den ersten 55 Kilometern noch herrschte, ist verstummt.  Wenn ich nun etwas sage dann ist das meist:  Ich brauche Wasser, oder ich brauche Gel. Apropos Gel, ich kann dieses klebrige Zeugs nicht mehr sehen. Ich brauche endlich was Richtiges zwischen den Zähnen! An der nächsten Verpflegungsstation stoppe ich kurz und greife mir einen Energieriegel, den ich mit einem Becher Pepsi hinunterspüle.  Die genau geplante Ernährungsstrategie ist vergessen, 240 Kalorien pro Stunde hin oder her. Ich greife das, wonach mir gerade der Kopf steht und das sind momentan Riegel und Pepsi.

Mittlerweile hat auch Thomas bemerkt, dass sich bei mir etwas verändert hat. Mit den Worten

„Schmerz ist nur ein subjektives Empfinden“

versucht Thomas mich aufzuheitern und zu ermutigen weiter zu machen.

Thomas Hände sind schon ganz klebrig von den Pepsibechern, die er für mich transportiert.  Als ob das nicht schon genug wäre, wird er an der nächsten Verpflegungsstation von einem Pepsi-Becher eines anderen Läufers erfasst, dessen Feinmotorik scheinbar schon etwas unter den Strapazen leidet.

Bei Kilometer 77 wird es noch einmal richtig hart, ein fieser Anstieg baut sich wie eine Wand vor uns auf. Die Läufer vor mir gehen hier hoch und sind dabei nicht langsamer als ich im Laufschritt. Trotzdem kämpfe ich mich, wenn auch nur langsam, aber laufend,  diesen letzten Hammer hinauf. Nachdem dieser letzte Berg geschafft ist,  findet auch die Nacht so langsam ihr Ende. Das Morgengrauen (zu diesem Zeitpunkt für mich wirklich ein Grauen) bricht heran. Die Landschaft um uns herum wird von Kilometer zu Kilometer klarer. Eine Bäckerei, deren Duft von frisch gebackenen Brötchen auf die Straße dringt, lässt meinen Magen rebellieren.Biel 100 km morgengrauen

Morgengrauen

Es dauert nicht mehr lange bis zur 90 Kilometer – Marke. Meine Beine tun mittlerweile höllisch weh, jeder einzelne Schritt kostet Überwindung. Mir scheint als würden die Kilometer immer länger werden, mein Blick ist fast permanent auf meine Uhr gerichtet, deren Display scheinbar auf Zeitlupe gestellt ist. Ich versuche einen Fuß vor den anderen zu setzten und suche mir immer wieder kleine Ziele in meiner Umgebung, die ich mir vornehme zu erreichen. Unaufhörlich versucht mir mein Körper mitzuteilen: Ich kann nicht mehr hör doch auf, es ist genug! Es fällt mir äußerst schwer diesem Drang nicht nachzugeben. Doch ich habe mich nicht 90 Kilometer durch die ganze Nacht gequält um jetzt so kurz vorm Ziel aufzugeben.

Ganze 1,5 Minuten mehr Zeit, benötige ich mittlerweile für den Kilometer. „Genieß die letzten 10 Kilometer, bald hast du es geschafft“ sagt Thomas gelassen zu mir, doch an genießen ist nicht mehr zu denken. Genießen kann ich erst, wenn ich in den bequemen Sitzen von Thomas Renault versinken kann. Meter für Meter kämpfe ich mich mit schweren,  schlürfenden Schritten weiter in Richtung Ziel. Nur noch ein paar Kilometer liegen vor mir. Ein letztes großes, fast unüberwindbares Hindernis, bäumt sich vor mir auf. Eine Brücke, die über eine kreuzende Straße führt, raubt mir  bei km 98 auch noch das letzte bisschen Kraft in den Beinen. Jetzt ist es fast geschafft. Ein Kribbeln macht sich in mir breit und Freude steigt auf. Vor mir tauchen Straßenabsperrungen auf, die die Strecke beim Start von den Zuschauermengen abschirmte. Von diesen Zuschauermengen sind nur wenige hart gesottene übrig geblieben, oder wahrscheinlich schon wieder da. Kein Wunder, es ist ja auch 7 Uhr in der Früh. Die, die noch hier stehen, geben mir Beifall und feuern mich an. Ich kann es gar nicht richtig fassen als ich die Ziellinie überquere, alles wirkt irgendwie so surreal. Ich bin so glücklich und erleichtert, dass mir fast ein paar Tränen entweichen. Meine Zeitvorstellung von unter 10 Stunden, habe ich mit 8 Stunden, 54 Minuten und 24 Sekunden deutlich getoppt. Was für ein Erfolg!

ZieleinlaufBiel 100 km Thomas

Unmittelbar nach dem Rennen sind wir die  5 – stündige Heimreise angetreten. Nun sitzen Thomas, seine Freundin und ich,  gemeinsam mit meinen Eltern zusammen und genießen die Pizza, welche meine Mutter zur Feier des Tages gebacken hat. Es gibt viel zu erzählen und zu lachen an diesem Abend. Eigentlich bin ich satt, doch ich schaffe noch zwei Stücke Linzer Torte, die ich mir für heute gewünscht habe.

Ich sitze am Frühstückstisch und schiebe hastig zwei Scheiben Erdnussbutter-Toast in mich hinein. Nicht gerade ein gesunder Start in den Tag, aber voller Energie und schnell verdaut. Schnell verdaut ist gut, denn gleich geht´s los. Los zu meinem bisher längsten Trainingslauf aller Zeiten. So lautet jedenfalls der Plan.

Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die schmalen Schlitze des noch heruntergelassenen Rollos. Ein schöner Sonntagmorgen, besser könnten die Voraussetzungen nicht sein. Auch meine Stimmung ist gut heute morgen, ich fühle einen Mix aus Vorfreude, Aufregung und Euphorie. Ein 6 Stunden langer Trainingslauf liegt vor mir, vorausgesetzt die Dinge laufen so wie geplant. Bei so einem langen Lauf ist die Gefahr jedoch groß, dass es auch mal nicht so läuft wie geplant, dessen bin ich mir bewusst. Das Tempo ist mir heute egal, den Körper an die lange Zeit auf den Beinen gewöhnen, das ist mein Ziel.

Das ist heute quasi sowas wie die Generalprobe für Biel. Deshalb will ich heute auch meine Ernährungsstrategie testen. Dafür habe ich mir GU Roctane Gels bestellt, mit denen ich nun meinem Salomon Trinkrucksack bestücke. Nicht ganz billig das Zeug, aber eins von wenigen Gels, das auch Aminosäuren enthält. Aminosäuren sind äußerst wichtig, denn sie schützen die Muskulatur. Die zwei Trinkflaschen befülle ich mit Wasser und mische noch ein Gel dabei.

Für alle Fälle packe ich noch eine Packung Butterkekse in Mamas Rucksack, die mich heute mit dem Fahrrad begleiten wird. Deshalb an dieser Stelle nochmal ein dickes Dankeschön an Mama, denn 6 Stunden auf dem Fahrradsattel im Joggingtempo sind mit Sicherheit nicht wirklich aufregend.

es kann los gehenSobald die Reifen aufgepumpt sind, kann es auch schon losgehen. Die Beine fühlen sich äußerst leicht an heute Morgen. Ich fühle mich gut, mein Puls ist tief, das Tempo mit 04:45/km gar nicht so lahm. Ich laufe so, dass ich mich dabei noch gut mit meiner Mutter unterhalten kann, ohne außer Atem zu kommen.

Die Kilometer purzeln nur so vor sich hin, schnell sind die 20 Kilometer erreicht und es läuft immer noch genauso gut wie auf den ersten Metern. Alle 45 Minuten nehme ich ein Energy-Gel und kippe Flüssigkeit hinterher. Das ist oberwichtig, denn ohne Flüssigkeit kann der Körper keine Kohlenhydrate verarbeiten, was schnell zu Verdauungsproblemen führen kann.

Nach gut 30 Kilometern halten wir an einer Tankstelle um unsere Wasservorräte wieder aufzufüllen. Die Flasche Vitaminwater in dem Kühlregal lacht mich an. Ich nehme 3 davon und fülle 2 direkt in meinen Rucksack, eine nimmt meine Mutter. Weiter geht´s. Bei Kilometer 35 und knapp 3 gelaufenen Stunden machen wir kehrt und treten den Rückweg an. Jetzt geht es nur noch zurück!

Mein Puls ist mittlerweile etwas erhöht, ob es am Wasser und Salzverlust liegt? An Salz habe ich gar nicht gedacht, für meinen Wettkampf in Biel brauche ich unbedingt noch Salztabletten! Nichts desto trotz fühle ich mich noch gut. Mein Schnitt ist immer noch unter 5 Minuten pro Kilometer, deutlich schneller als ich es mir vorgenommen hatte.

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Bei Kilometer 52 bin ich vom einen auf den anderen Moment völlig platt! Was ist denn jetzt mit mir los? Bin ich zu schnell gelaufen? Habe ich nicht genug getrunken? Sind die Energiespeicher jetzt völlig leer? Ich stoppe für einen Moment, esse ein paar Butterkekse und trinke einen kräftigen Schluck Cola. Dann laufe ich weiter und erstaunlicherweise bin ich wieder fit! Butterkekse und Cola, ein echtes Wundermittel!!!!

Kilometer 60 ist schnell erreicht, dort wartet der letzte harte Anstieg auf uns. Diesen meistere ich erstaunlich gut, was bestimmt an dem Wissen es gleich geschafft zu haben liegt. Danach geht es fast nur noch bergab.fast geschafft

Nach 5 Stunden und 38 Minuten haben wir es geschafft! Was für eine Trainingseinheit! Ich bin glücklich und meine Zuversicht, die 100 Kilometer am 12.06 erfolgreich zu finishen ist deutlich gestiegen.

Jetzt wird erst mal richtig gefuttert! Bis zum nächsten Mal!

Ultramarathon??? – So ein Quatsch!!! Die sind doch alle bekloppt!!!

Dann kamen die Bücher Born to Run von Christopher McDougall, Eat & Run von Scott Jurek und Ultramarathon Man von Dean Karnazes.

Nachdem ich diese Bücher im Rekordtempo verschlungen hatte, wich nicht nur meine Skepsis bezüglich Ultramarthons, sondern lösten eine wahrhafte Begeisterung in mir aus. Ich war gepackt von dem Gedanken selbst mal an so einem Lauf teilzunehmen. Ein Lauf, bei dem es nicht um Minuten und Sekunden geht, sondern erstmal darum, überhaupt das Ziel zu erreichen. Ein Lauf bei dem ich herausfinden kann wo meine körperlichen und geistigen Grenzen liegen. Bin ich in der Lage diese Grenzen zu überwinden? Wie weit kann ich meinen Körper treiben? Wie fühlt es sich an, nach 100 gelaufenen Kilometern?

Es gibt nur eine Möglichkeit dies herauszufinden:

Ich werde einen Ultramarathon Laufen!

 

Deshalb habe ich mich letzten Monat kurzentschlossen für den 100 Kilometer-Lauf in Biel angemeldet. Hoffentlich nicht zu kurzentschlossen, aber mit Umfängen zwischen 80 und 130 Wochenkilometern dürfte „Ankommen als Ziel“ durchaus machbar sein, toll wäre unter 10 Stunden ;). Zwei Trainingsläufe über 50 Kilometer inklusive 1.000  Höhenmeter habe ich ja außerdem schon ganz gut gemeistert.

Letztes Wochenende bin ich insgesamt 100 Kilometer gelaufen, die zudem alles andere als flach waren und meine Beine kamen damit ausgesprochen gut zurecht.FridaySaturdaySunday

Meine Radbegleitung Thomas
Meine Radbegleitung Thomas

Bis zum Startschuss am 12.06, stehen noch 2 längere Läufe von mindestens 50 Kilometer auf meinem Plan. Um mich an die ungewöhnliche Startzeit um 22:00 Uhr zu gewöhnen, werde ich mit meiner Radbegleitung Thomas noch eine Art Generalprobe veranstalten. Da dies mein erster Ultra ist, bin ich wirklich froh, über den Luxus einer Radbegleitung zu verfügen. Als ich Thomas von meinem Vorhaben erzählte, bot er mir direkt seine Dienste als Radbegleitung an, die ich dankend annahm. So kann ich die Vorzüge meiner eigenen Verpflegung genießen, sofern man bei einem Ultramarathon von genießen sprechen kann. Zudem schätze ich Thomas als einen Prima Arschtreter ein, was mir auf den letzten Kilometern sicher zu Gute kommen wird.

Ultrafutter
Ultrafutter

Der Nächste Punkt auf meinem Trainingsplan dürfte mit Sicherheit auch dem einen oder anderen Sportmuffel gefallen: Essen! Da soll noch einer behaupten Training sei doof. Allerdings ist hier die Rede von essen und trinken während dem Laufen, worin ich noch nicht wirklich viel Erfahrung besitze. In den meisten Fällen absolviere ich mein Training nämlich nüchtern, sicher habe ich auch schon den einen oder anderen Riegel auf einem langen Lauf gegessen, aber im Vergleich zu den 240 Kalorien die ich beim Ultramarathon pro Stunde essen und trinken will, ist das Pille Pale.

Eine Checkliste habe ich auch schon erstellt, allerdings ist diese noch sehr unvollständig und bedarf noch einiger Überarbeitungszeit. Da wir erst am Wettkampftag anreisen, möchte ich auch noch einen genauen Ablaufplan erstellen, um am Tag X nicht in Zeitprobleme zu geraten. Eine gute Planung ist einfach das A & O, den Rest erledigen die Beine schon irgendwie.

Wie Ihr seht, gibt es noch viel zu tun. Bis zum großen Tag, bzw. bis zur großen Nacht werde ich nicht nur jede Menge Kilometer fressen, sondern auch haufenweise Energy-Gels und Riegel.

 

Meine Stimmung an diesem Sonntagmorgen hätte durchaus besser sein können. Gestern Abend war Mal wieder keine Kalorie vor mir sicher. Sogar die Powerbars, welche ich mir gestern Abend noch extra für das heutige Training gekauft hatte, vielen meinem ungezügelten Verlangen nach Süßem zum Opfer. Solche Tage habe ich öfter, an denen mein Gehirn scheinbar vergisst ein Sättigungssignal auszusenden. Die Lust auf den längeren Trainingslauf, den ich mir für heute vorgenommen hatte, wurde durch meine negative Stimmungslage deutlich getrübt.

Einfach loslaufen, 20 Kilometer reichen heute ja auch Mal dachte ich mir. Nachdem ich die Flaschen meines Salomon Trinkrucksacks mit einer BCAA-Mischung aufgefüllt hatte, schnallte ich mir diesen um und begab mich an die frische Luft.

Ohne losgelaufen zu sein, zeigte meine Polar V800 bereits einen Puls von 100 Schlägen/Minute an. Was für ein Morgen…. Alles fühlte sich furchtbar schwer und steif an, meine Atmung war schneller als mein Tempo und das Wetter an diesem Morgen war äußerst bescheiden.

Die ersten Kilometer waren schrecklich zäh, am liebsten hätte ich direkt wieder aufgehört, doch das hätte meine Laune vermutlich auch nicht besser gemacht. Ich schleppte mich die ersten Berge hoch und fühlte mich dabei, als hätte sich die Erdanziehungskraft über Nacht verdoppelt. 15 Kilometer später, wurde es dann so langsam besser. Meine Beine wurden leichter und das Tempo allmählich höher. An der Kreuzung, an jener ich für meine 20 Kilometer-Runde abbiegen hätte müssen, ließ ich hinter mir und lief geradeaus weiter.

Irgendwie befand ich mich nach anfänglichem Unwohlsein nun wieder voll im Flow, mein Kopf war leer und ich lief einfach nur weiter. Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer. Als nach 30 Kilometern meine Wasservorräte so langsam zu neige gingen, machte ich kurz an einer Tankstelle halt und füllte meine Flaschen mit einer Dose Monster Rehab wieder auf. Vielleicht nicht das ideale Sportgetränk, doch es schmeckte vorzüglich und ich hatte das Gefühl durch das Koffein etwas aufgeputscht zu werden.

Es ging weiter…. 40 Kilometer waren bald erreicht, doch aus irgendwelchen Gründen wollte ich noch nicht anhalten und hängte noch eine extra – Runde hintendran. So langsam spürte ich nun doch meine Oberschenkel. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits 900 Höhenmeter überwunden hatte, wunderte mich diese Tatsache allerdings nicht wirklich. Zudem hatte ich keine Energieriegel oder sonstige Kalorien dabei und Frühstück gibt es bei mir ja sowieso nie.

Nach stolzen 50 Kilometern war meine Runde schließlich zu Ende. Das war weit mehr als ich mir vorgenommen hatte und erst das zweite Mal, dass ich überhaupt so eine Distanz bewältigt habe. Meine gute Laune war nach diesem Lauf wieder hergestellt. Wieder mit mir im Reinen, konnte ich nun unbeschwert das anschließende Frühstück und den restlichen Sonntag genießenPolar 50 Km.